Lindsey Vonn weiß, was zu tun ist, um das Publikum zu begeistern. Nicht nur auf Skiern. Sie formte mit den Zeigefingern und Daumen ein Herz und hielt es in die Höhe, Richtung Tribüne in Zauchensee. Sie sei sehr dankbar dafür, dass sie überall in Österreich so viel Unterstützung bekomme, sagte sie später. Da warteten ein paar Meter weiter im Schneetreiben zwei Kinder mit handbemalten Pappkartons, dort, wo sie auf jeden Fall vorbeikommen musste, irgendwann nach der Siegerehrung. Sie ist die beste Abfahrerin der Weltcup-Geschichte – und, wie die handbemalten Kartons zeigen, auch das große Vorbild vieler kleiner Fans. Lindsey Vonn inspiriert Generationen, selbst ganz Junge, jene, die die erste Ski-Karriere der Amerikanerin noch gar nicht bewusst erlebt haben. Und selbst in Österreich, dort, wo es ja auch genügend Skifahrerinnen gibt, die zum Vorbild taugen. Aber Vonn steht eben über allen, auch wenn es in ihrer Mannschaft in Mikaela Shiffrin eine noch viel erfolgreichere Skifahrerin gibt. Es ist auch die Geschichte, ihre Geschichte, die vom Comeback nach sechs Jahren Pause, die sie so besonders macht. Am Samstag hat Vonn, im Alter von 41 Jahren, die Weltcup-Abfahrt in Zauchensee gewonnen. Ihr 84. Sieg – oder der zweite seit ihrer Rückkehr vor gut einem Jahr mit teilweise neuem Knie. Schnell, aber nicht am Limit Die große Überraschung war das nach dem Triumph von St. Moritz im Dezember nicht, auch wenn Vonn selbst zuvor fast ausgeschlossen hatte, dass sie gewinnen würde an diesem Wochenende im Salzburger Land. Ein wenig verschnupft sei sie angereist, hatte sie Mitte der vergangenen Woche wissen lassen. Außerdem, verkündete Vonn, werde sie bis zur den Olympischen Spielen kein Risiko eingehen. Sie fahre schnell, sagte die Amerikanerin, „aber nicht am Limit“. Das Ziel sei es, gesund nach Cortina d’Ampezzo zu reisen, um dort noch einmal eine Olympiamedaille zu gewinnen. Nein, sie will dort Gold, nicht Silber oder Bronze. So richtig ernst nahmen die Konkurrentinnen die Aussagen von Vonn aber ohnehin nicht. Ein bisschen Drama, tiefstapeln, um dann, wenn es doch anders kommt, den Erfolg noch größer erscheinen lassen zu können, das hat Vonn schon immer beherrscht. Es ist Teil ihrer Inszenierung. Dieses Mal war nach dem Rennen aber weder von der Erkältung noch von einem reduzierten Risiko die Rede. Im Gegenteil. „Ich habe gewusst, was es braucht, um hier zu gewinnen“, sagte Vonn und gab zu: „Von der Linie her habe ich sehr viel riskiert.“ Aksel Lund Svindal fand, „sie hat alles aus dem Kurs herausgequetscht“. Der Norweger ist Teil von Vonns Trainerstab. Die beiden kennen sich seit mehr als 20 Jahren, er hat einst im Weltcup bei den Männern dominiert, sie bei den Frauen. Wegen ihrer kaputten Knie mussten beide 2019 aufhören. Bei den Weltmeisterschaften in Are vor sieben Jahren feierten sie gemeinsam ihren Abschied in einem Partykeller. Aber anders als Vonn dachte Svindal nie ernsthaft an eine Rückkehr in den Weltcup, auch nicht als Trainer. In der vergangenen Saison kontaktierte ihn Vonn, holte sich Rat, als es nach einem guten Start bei ihren ersten Comeback-Rennen nicht mehr wie erhofft lief. Vor dieser Saison fragte sie ihn dann, ob er sie bei ihrem Goldprojekt als Trainer unterstützen wolle. Svindal sagte zu, begleitet sie seitdem zu jedem Rennen und zu jedem Training. Er würde es wohl nicht als sein Verdienst bezeichnen, dass Vonn nicht mehr in jedem Rennen, bei allen Bedingungen, an jedem Tag das Limit ausreizt und dann oft darüber hinausschießt. Am Ende ihrer ersten Karriere passierten Stürze und Ausfälle fast genauso oft wie Podiumsplatzierungen. „Sie ist jetzt so im Gleichgewicht, dass sie es auf sehr smarte Art und Weise machen kann“, sagte Svindal. „Sie riskiert in die Linie, aber nicht in ihre Technik“ – was bedeutet, dass sie sich und ihr Können nicht überschätzt. Mit dem Alter, sagte Vonn in Zauchensee, werde man hoffentlich klüger. Sie sei hier „genau mit der richtigen Aggressivität gefahren“, nicht zu viel, nicht zu wenig. Dass die Abfahrt am Samstag verkürzt wurde, der obere Streckenabschnitt mit mehr Gleitpassagen fehlte, war sicher kein Nachteil für Vonn. Im unteren, etwas technischen Teil der Kälberlochpiste war keine schneller als sie. Die Einzige, die dort mit ihr mithalten konnte, war Emma Aicher. Die Deutsche, die Vonn in der zweiten Abfahrt von St. Moritz noch bezwungen hatte, war aber oben nicht optimal gefahren und landete auf dem sechsten Platz. Vonn sei den Konkurrentinnen nicht beim Gleiten überlegen, findet Svindal, sondern dabei, Geschwindigkeit in der Kurve aufzubauen. Wer den Ton bei dieser beruflichen Partnerschaft angibt, wurde Svindal am Samstag gefragt. Man erarbeite sich alles gemeinsam, mache die Pläne zusammen, sagte der Norweger. „Es geht nicht darum, was ich glaube, sondern vielmehr darum, dass es Lindsey auch glaubt. Denn wenn sie es nicht tut, funktioniert es nicht hundertprozentig.“ Bisher scheint Svindal gute Überzeugungsarbeit geleistet zu haben.
