FAZ 24.01.2026
15:36 Uhr

Abfahrt in Kitzbühel: Odermatts Cliffhanger und Franzonis Tränen


Marco Odermatt wird in Kitzbühel bejubelt wie ein Popstar, aber den Abfahrtssieg muss er einem weinenden Italiener überlassen. Auch ein Deutscher überrascht.

Abfahrt in Kitzbühel: Odermatts Cliffhanger und Franzonis Tränen

Als der Mann mit der Startnummer zwölf die Streif in Kitzbühel hinunterrast, zücken im Zielraum Hunderte von Zuschauern ihre Smartphones. Sie lassen sich nicht auf das Live-Erlebnis ein, dem begnadeten Skiläufer Marco Odermatt bei der Arbeit zuzuschauen und sein Können zu genießen, sondern sie filmen, was sie auch mit eigenen Augen aufnehmen könnten. Sie erwarten Odermatts ersten Abfahrts-Sieg auf der Streif – und wollen diesen Hit in ihrem digitalen Gedächtnis festhalten. Es ist das gleiche Phänomen wie bei Popkonzerten – und wirkt ähnlich verstörend. Denn der eigentliche Moment ist unwiederbringlich dahin. Und das gefilmte Dokument hält ohnehin keinem Fernsehvergleich stand. Doch es zeigt auch, in welchen Dimensionen Marco Odermatt mittlerweile unterwegs ist. Nur der Sieg in der Abfahrt zählte für Odermatt Der Schweizer Skistar, Olympiasieger im Riesenslalom, dreimaliger Weltmeister, viermaliger Sieger des Gesamtweltcups und auch heuer mit Abstand Führender in der Branchenwertung, wird von den Skifans vergöttert – und bisweilen mit übermäßigen Erwartungen überhöht. Und er muss darauf achten, dass er unter dem öffentlichen Druck sein charakteristisches Lächeln nicht verliert. Den Super-G am Vortag hatte er auf der Streif gewonnen, hauchdünn vor seinem Teamkollegen Franjo von Allmen. Schon musste er sich fragen lassen, ob es denn diesmal auch mit dem Erfolg in der Kitzbühel-Abfahrt klappen werde. Endlich? Auch im Vorjahr hatte er im Super-G gesiegt, sich somit erstmals eine „Goldene Gams“ gesichert, die es in Kitzbühel neben üppigem Preisgeld zu gewinnen gibt. Darüber hatte er sich so gefreut, dass er am nächsten Tag nur Abfahrts-Sechster wurde. Diesmal verkniff er sich eine allzu überschwängliche Siegesfeier am Freitag, um auch am Samstag parat zu sein. „Let me entertain you“, spielte die Stadionregie schon, bevor Odermatt in das Abfahrtsrennen startete. Sportler dienen auch der Unterhaltung – allerdings mit Erfolgsversprechen garniert, was unrealistisch ist, da die Konkurrenten ja auch noch mitwirken. Franzoni in der Form seines Lebens Und an diesem Samstag lag das Anforderungsniveau für Odermatt hoch. Denn dem Italiener Giovanni Franzoni, der schon beide Trainingsfahrten dominiert hatte, war mit Startnummer zwei eine nahezu perfekte Fahrt gelungen. Seine Bestzeit von 1:52,31 Minuten stellte eine Zielmarke dar, gegen die Odermatt vergeblich anfahren sollte. Zunächst war der Schweizer mit Bestzeiten unterwegs, doch im mittleren Teil verlor er seinen Vorsprung. Es zeichnete sich ein Hundertstelkrimi ab. Einigen filmenden Zuschauern fielen beinahe die Smartphones aus der Hand, so greifbar war die Spannung, als Odermatt nach der Hausbergkante über die Traverse in den Zielschuss einbog. Doch obwohl er auf den letzten Abschnitten noch Sekundenbruchteile gutmachte, hielt die Führung des Italieners – um 0,07 Sekunden. Ein Aufschrei ging durch das Zielstadion. Und Franzoni brach unmittelbar in Tränen aus. Erst vor einer Woche hatte der 24-Jährige beim Super-G in Wengen seinen ersten Weltcupsieg geschafft. Nun sollte er zum ersten Mal in seinem Leben eine Abfahrt gewinnen – und das ausgerechnet in Kitzbühel, beim prestigeträchtigsten Rennen der Welt, das mit 101.000 Euro dotiert ist. „Unglaublich“, war seine erste Reaktion. „Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll.“ Und dann weinte er wieder – Freudentränen, in die auch Trauertränen gemischt waren. Wie schon bei seinen Podestplätzen in Gröden und Wengen widmete Franzoni seinen bislang größten Erfolg seinem im Sommer nach einem Trainingssturz gestorbenen Ski-Weggefährten Matteo Franzoso: „Ich weiß, dass er stolz auf mich wäre.“ Überraschungsmänner Muzaton und Vogt überglücklich Auch andere waren sehr glücklich: Der Franzose Maxence Muzaton, mit dem niemand gerechnet hatte, raste mit Startnummer 29 völlig überraschend auf Rang drei (+0,39 Sekunden) und schaffte im stolzen Sportleralter von 35 Jahren das beste Abfahrtsresultat seiner langen Karriere. Und der junge Deutsche Luis Vogt, am Vortag als 44. im Super-G noch weit hinten platziert, fuhr mit Startnummer 40 auf Platz acht (+0,95) – das mit Abstand beste Ergebnis seiner bisherigen Laufbahn. „Saugeil“, jubelte der schlaksige 23-Jährige, der mit seiner ungewöhnlichen Abfahrerfigur von 2,02 Metern Körpergröße klarkommen muss. „Ich freue mich richtig. Ich glaube, das hat man im Ziel gesehen.“ Marco Odermatt war dagegen sichtlich enttäuscht, nachdem er zum dritten Mal Abfahrts-Zweiter in Kitzbühel wurde. Im Ziel schlug er die Hände vors Gesicht und brauchte einige Zeit, um sich zu sammeln. „Heute gab es nur eins, das war der Sieg“, bekannte er. Und obwohl er schon 53 Weltcuprennen gewonnen hat, fehlt ihm dieses eine ganz besonders: „Wenn man in Kitzbühel den Sieg um sieben Hundertstel verpasst, dann tut das schon weh.“ Es war ein Cliffhanger in seiner Karriere, auf den Odermatt gerne verzichtet hätte. Fortsetzung im kommenden Jahr.