Wenn Kida Khodr Ramadan an einer Serie beteiligt ist, gibt es ein Erfolgsrezept: Schauplatz Berlin, eine Erzählung aus einem kriminellen Milieu und Hip-Hop. Ob „4 Blocks“, „Testo“, „Crooks“ oder eben „Asbest“, die Geschichten von Knast, Koks und Krawall sind zu Verkaufsschlagern geworden. Nun legt die ARD mit der zweiten Staffel ihrer Serie „Asbest“ nach, die 2023 zu einem der größten Streaminghits des Senders avancierte. Bei der Fortsetzung hat Ramadan die Regie an Olivia Retzer und Juri Sternburg weitergegeben, die nahtlos dort ansetzen, wo die erste Staffel aufhörte. Momo Kaval, Hauptfigur der Serie, ist nach seinem Ausbruch aus dem Gefängnis auf der Flucht. Seine Ex-Freundin Dani (Lulu Hacke) vertickt Drogen, die Mutter sorgt sich um Momos jüngeren Bruder, der angeschossen wurde. Onkel Ámar (Stipe Erceg), Oberhaupt des berüchtigten Kaval-Clans, und dessen rechte Hand Hassan (Veysel Gelin) wandern wegen einer Geiselnahme ins Gefängnis. Die Figuren ächzen unter der Last der Klischees Plattenbau, korrupte Polizisten, Ramadan als unantastbarer Knastpate: Bereits in der ersten Staffel von „Asbest“ wurde tief in die Klischeekiste gegriffen. Die Figuren blieben farblos, sympathisch waren allenfalls die Mutter und Momo selbst, den der Rapper Xidir Koder Alian spielt. In der zweiten Staffel gesellen sich zu sadistischen Justizvollzugsbeamten und der Freundin mit „Good Girl Gone Bad“-Attitüde noch eine manische Kommissarin mit Wutanfällen (Deleila Piasko als Maria Melnik) und der schmierige Innensenator Andreas Köhler (Fabian Hinrichs), der wegen der ausufernden Clan-Kriminalität unter Druck steht und Melnik die Drecksarbeit machen lässt. Dass ihre Figuren vor Klischees nur so strotzen, scheinen die Serienmacher selbst gemerkt zu haben. Vor allem die Politik nehmen sie aufs Korn, die Dialoge sollen Witz und Leichtigkeit in die Geschichte bringen. Der Leiterin der JVA sagt Köhler etwa: „Natürlich schmeiß ich sie auch raus. Zu vollen Bezügen, das ist ja klar.“ Und seinem Geschäftspartner aus der organisierten Kriminalität teilt er mit, er brauche jemanden, bei dem „alle Fäden zusammenlaufen“, mit dem er „eine besondere Verbindung“ habe. Glaubwürdig ist das alles nicht, besonders witzig auch nicht. Wenn der Dealer über die Enteignung von Milliardären philosophiert Eine starke schauspielerische Leistung zeigt in dem eher überzeichnenden Ensemble Clemens Schick als JVA-Aufseher Luka Besic, der in einer Abwärtsspirale aus Spielsucht und Korruption steckt. Immerzu betend und mit seinem Kiefer knackend, wirkt Besic unheimlich und bedauernswert zugleich, wenn er seinen imaginären Kindern das Abendbrot serviert oder vor dem leeren Kinderbett eine Gutenachtgeschichte liest. Auch an der Dramaturgie hapert es. Das Verhalten der Figuren, die so perfekt falsch agieren, dass sie sich in ausweglose Situationen bringen, ist schwer nachvollziehbar, ihre Motivationen sind zweifelhaft. Da nimmt der Fußballtrainer einen wegen Mordes gesuchten Verbrecher einfach so bei sich auf. Oder die Ex-Freundin hilft einer Bekannten, die mit den Männern unterwegs ist, die auf eine ihr nahestehende Person geschossen haben. Und wenn der kleinkriminelle Drogendealer nach dem Zug aus seiner Bong über den Reichtum der Familie Quandt philosophiert und darüber, ob diese hätte enteignet werden sollen, löst sich alles in Rauch auf. Erneut aufgegriffen wird die Frage, was damals eigentlich mit Momos Vater passiert ist. In unzähligen, wirklich unzähligen Rückblenden erinnert sich Momo an den schicksalhaften Tag, an dem er und sein Bruder zu Halbwaisen wurden. Das Staffelfinale gipfelt dann in einer Familientragödie, die emotional berührt und sogar einer gewissen Logik folgt. Das macht die vorherigen erzählerischen Schwächen zwar nicht vergessen, versöhnt aber zumindest ein wenig. Vielleicht bemüht sich die nächste Staffel etwas mehr um Tiefgang und Figuren – und beschert dem vom Schicksal gebeutelten Momo auch einmal einen Erfolgsmoment. Die sechs Folgen von Asbest 2 laufen in der ARD-Mediathek und am Freitag ab 23.55 Uhr im Ersten.
