FAZ 21.01.2026
17:53 Uhr

ARD-Film „Die Frau in Blau“: Wenn man ihm nur das eine Bild lässt


In Rainer Kaufmanns Film „Die Frau in Blau“ geht es um Schuld, Sühne, Vergebung und Inklusion. Jonas Nay und Joachim Król sorgen dafür, dass jede Szene stimmt.

ARD-Film „Die Frau in Blau“: Wenn man ihm nur das eine Bild lässt

Als Denis (Jonas Nay) Alfred (Joachim Król) 18 Monate nach seiner Verurteilung zum ersten Mal in der Ateliergemeinschaft besucht, trifft er einen Künstler in seiner eigenen Welt. Erwartet hatte er etwas anderes, nämlich einen gebrochenen Mann. Was er sieht – endlich, wie die Frau findet, die für die Rückgabe der Fahrerlaubnis zuständig ist –, irritiert den Unfallverursacher. Seine Reue sei ein Lippenbekenntnis, seine Verantwortungsübernahme vor Gericht tatenlos geblieben, hat ihm die Bewährungshelferin mitgegeben. Denis müsse zeigen, dass er sich mit seiner Schuld auseinandersetzt, das sei der Sinn einer Bewährungsstrafe. Tschüs, Führerschein. In der kunsttherapeutischen Einrichtung trifft Denis keinen depressiven Überlebenden, sondern einen Schöpfer, der mit seinen Bildern redet. Witwer Alfreds wichtigste Kreation, „Die Frau in Blau“, zeigt in expressiven Farben eine bildfüllend gestaltete weibliche Figur mit sonderbaren Verrenkungen (die Malerin der Bilder Alfreds ist Christina Harms). Für Al­fred heißt das Bild „Blau Rot Gelb“. Und das andere da? „Blau Rot Gelb“. Sie heißen alle „Blau Rot Gelb“, denn das sei ihr Grund und des Pudels farbiger Kern. Ein Roadtrip in die Obdachlosigkeit Gerade so anatomisch verdreht, wie Alfred sie gemalt hat, lag seine Frau am Straßenrand, nachdem Denis seine Freundin Luana (Nairi Hadodo) während der Fahrt geküsst hatte – mit geschlossenen Augen. Der Elektriker Alfred überlebte den Unfall mit schwerer Kopfverletzung. Sein Beruf hat ihn gelehrt, Energie in Gang und Dinge ins Laufen zu bringen, und das ist offenbar geblieben. Er kommt zurecht, mit seiner Trauer, solange man ihm bloß das Bild seiner verstorbenen Frau lässt. Wer nicht zurechtkommt, das zeigt sich in den oft federstrichartig gestalteten, vielschichtigen Szenen von Rainer Kaufmanns Film „Die Frau in Blau“, ist Denis. Kaufmanns Tragikomödie schickt die beiden auf eine gemeinsame Reise, einen Roadtrip in die Obdachlosigkeit und auf einen Weg, der einer Achterbahnfahrt ähnelt, doch Glückskeksweisheiten vermeidet. Stattdessen setzt der Film nach dem Drehbuch von Ruth Toma auf Inklusion (Kamera Martin Farkas). Einerseits sind im gesellschaftlichen Schutzraum des Künstlerkollektivs alle anerkannt in ihrer Unterschiedlichkeit, in ihren individuellen kognitiven Voraussetzungen. Der mehr oder weniger erzwungene Besuch Denis’ beim Künstlerkollektiv, in den lichtdurchfluteten Räumen, in denen die Kunsttherapeutin Martha (Judith Bohle) für Menschen mit geistigen und körperlichen Einschränkungen zuständig ist (die Credits führen Dank an Anna Laute und die Künstlergruppe Die Schlumper auf), ist der erste Schritt. Kann es Geld richten? Beim zweiten geht es um die Inklusion von Schuld und Verantwortung, die Denis übernehmen muss, um zu sich zurückzufinden. Nebenbei gestattet sich der Film Seitenhiebe auf einen Kunstmarkt, der diese Kunst nach den Sensationsentdeckungen der Sammlung Prinzhorn in Heidelberg längst als Big Business vermarktet und hohe Preise erzielt. Kann es Geld richten? Denis kauft erst einmal ein Bild und bekommt ein Zertifikat. „Ich habe ein Zertifikat!“ – das überzeugt die Bewährungshelferin nicht. Die Künstlergruppe besucht Denis beim Tretbootverleih. Als Trampelduo harmonieren Alfred und Denis nicht, es entsteht Chaos, der eine zieht den anderen pitschnass aus dem Wasser. Alfreds Bilder finden in einer Galerie Anklang, ausgerechnet das unverkäufliche Bild wechselt versehentlich den Besitzer. Luana, Denis und Alfred folgen der Spur, brechen in die Weinberge auf und landen am Strand des Rheins. Die Männer stehlen das Bild zurück, alles geht schief, wie es im Film nur schiefgehen kann. Nach und nach wird aus Denis’ Selbstbestrafung ein Läuterungsprozess. Der symbolisch sichtbar wird, als er für Alfred ein Kaleidoskop voller zersplitterter blaugrüner Glassteinchen bastelt, die ihm in immer neuen Variationen Harmonien der Gebrochenheit vors Auge führen. Solche Filme zeigen ARD und ZDF immer gern, und in der Dramaturgie erinnert „Die Frau in Blau“ an Rainer Kaufmanns früheren Film „Blaubeerblau“, in dem ein Architekt (Devid Striesow), dem der Tod tabu ist, beruflich in ein Hospiz bestellt wird und sich mit einer Sterbenden anfreundet. Für „Marias letzte Reise“ (mit Monica Bleibtreu), den „Polizeiruf 110: Nachtdienst“, den Film „In aller Stille“ (mit Nina Kunzendorf), alles Filme rund um Tod und Sterben und Trauer und Schuld, ist Kaufmann vielfach ausgezeichnet worden. Auch, weil er es versteht, solche Geschichten nicht süßlich zu inszenieren. Auf die Schauspieler kommt es freilich an, und hier liegt es an Jonas Nay und Joachim Król und ihrer Überzeugungskraft, dass man dabeibleibt. Die Frau in Blau läuft am heutigen Mittwoch um 20.15 Uhr im Ersten und in der ARD-Mediathek.