FAZ 20.02.2026
18:20 Uhr

AI-Worlding: Kann KI Kunst?


Welche Welten erfindet die KI, und welche Welten erfindet Kunst, wenn sie sich der KI bedient? Eine Ausstellung im Frankfurter Museum Angewandte Kunst zeichnet ein gespaltenes Bild.

AI-Worlding: Kann KI Kunst?

War ich auf dieser Landstraße unterwegs? Oder schlägt mir meine Erinnerung ein Schnippchen? Viele kennen das Gefühl. Man weiß nicht, ob eine Erinnerung wahr ist, ob etwas, das einem oft erzählt wurde, zum eigenen Erinnerungsbild an die Kindheit wurde, obwohl es aus zweiter oder dritter Hand stammt. Es ist ein natürlicher Prozess. Was aber, wenn die Künstliche Intelligenz (KI) sich dieses Mechanismus bedient? Die Frankfurter Künstlerin Natalie Wilke hat das mit ihrer Arbeit „Road Movie“ ausprobiert. Videoschnipsel, altes digitalisiertes VHS-Material aus ihrem Archiv hat Wilke, die als Lehrbeauftragte im Fach Elektronische Medien an der Hochschule für Gestaltung (HfG) Offenbach lehrt, einer generativen KI anvertraut. Und die hat daraus mit von ihr selbst erfundenen Bildern einen Film geschaffen, der so wirkt, als sei er ein Lebensfilm. Eingepasst in die Heckklappe eines Autos, wird daraus eine Wandinstallation mit bewegtem Bild. Und womöglich, das darf man sich denken, glaubt man, wie beim Verfälschen der Erinnerung durch Erzählen und Wiederholen, auch die künstlichen Bilder. Was macht das mit unseren Hirnen – und der Seele? Um zu wissen, wem sich diese erzeugte Welt verdankt, muss man nicht nur bei Wilkes Arbeit das Kleingedruckte lesen.  Die Ausstellung „AI-Worlding. Künstlerische Forschung zu KI-generierten Weltmodellen“ im Frankfurter Museum Angewandte Kunst versammelt Arbeiten, die sich mit KI befassen, die Welten hervorbringt oder Perspektiven auf die Welt. Genau wie die Kunst, könnte man sagen. Umso interessanter ist es also, was Künstler mit KI anstellen – und KI mit der Kunst. KI trainiert sich selbst und verfremdet die menschliche Natur Der ernüchternde Befund der Ausstellung: Vieles, was da zu sehen ist, kommt über technische Spielerei, mal mit, mal ohne Interaktion der Besucher, nicht hinaus. Und es wird einem, ganz wie im richtigen Leben, an der einen oder anderen Stelle ganz bang, denkt man daran, wie viel Strom und Datenkapazität für den nicht sonderlich hohen Ertrag drangegeben wird. Interessanter sind die Fragen dahinter, die allerdings nicht bei jeder Arbeit  auf der Hand liegen. Etwa: Mit welchen oft beschränkten Daten arbeitet KI derzeit, und was macht das mit unserem Weltbild? Eine Frage, die etwa Ava Leandra Kleber mit der aufwendigen Installation „Die Frau links gab es kostenlos im Internet“ zum Thema Frauenbilder und Körperbilder stellt. Die Haut-Bilder von Xiangyu Fu wiederum, aufgebracht auf transparente Acryl-Panels, zeigen, wie das Bild der menschlichen Natur verfremdet wird und sich verändert, wenn die KI sich selbst trainiert. Es ist etwas verstörend, durch diese transparenten, behaarten Hautstückchen zu gehen, die immer geometrischer und damit immer weniger natürlich werden, je weiter der Optimierungsprozess des Programms sie bearbeitet. Diese Prozesse der KI-Schleifen, die KI als Akteur in der Welt künstlerisch inszeniert, sind im zweiten Teil der Ausstellung dominierend. Überhaupt ist die Kooperation des Museums mit der HfG und dem Ausstellungsort Saasfee Pavillon dort besonders interessant, wo die Künstlerinnen und Künstler nach den Bedingungen und Gefahren der KI fragen und das zugleich mit starken künstlerischen Setzungen tun. Das gelingt etwa mit der seit 2018 erarbeiteten Installation „Byrd“, die der HfG-Professor und Saasfee-Mitgründer Alex Oppermann in Zusammenarbeit mit Al Dhanab, Maciej Medrala und Saasfee geschaffen hat. Reizvoll ist auch die Frage der optischen Rückkopplung, die Leon-Etienne Kühr und Ting Chun Liu stellen und der man, verweilt man länger, auf die Spur kommen kann. Vieles, vor allem im ersten Teil der Ausstellung, in der die KI eher als Mitschöpfer oder Werkzeug dient, liefert mehr optisch ansprechende Ergebnisse als Arbeiten, die Fragen auslösen. Das fängt mit Seongsin Lees Arbeit „Now here, Nowhere“ an, die die Besucher empfängt: Eine quietschbunte künstliche Welt zeigt der Videoloop, surreal zusammengesetzt aus echten Bildern und dem, was die KI entwickelt, ein Traumland mit Interferenzen, vor dem sich ein mit Schläuchen und Spiegel zu einer vagen Gestalt zusammengefügter Roboterarm bewegt. Das ist zugleich spaßig und etwas unheimlich, wie viele der Arbeiten, die Interaktion der Besucher verlangen. Manches ist dekorativ wie die drei großformatigen Gemälde, die Marlon Hesse, seinen eigenen Stil völlig zurücknehmend, in Gesso und Sprühfarbe ausgeführt hat. Den textbasierten Prompt hat er mit den ersten Entwürfen bildlich immer weiter gefüttert, die KI hat bestimmt, was zu malen sei. Eine Art „Lieber Maler, male mir“ wie bei Martin Kippenberger – nur eben digital. Die Mühe des Malens hat der Künstler, der sein Künstlersein dafür in den Dienst der KI stellt. Das Projekt zeigt anhand der ellenlangen Prompts nicht nur, wie viel Mühe man – derzeit noch – aufwenden muss, um eine KI großformatige Bilder schaffen zu lassen. Heraus kommt ein gefälliges Ergebnis, das aussieht wie aus einem Möbelhaus für gut gefüllte Geldbeutel. Immerhin: Kunst scheint man bislang doch besser noch selbst zu machen. Ob das in den vielen Begleitveranstaltungen der Ausstellung auch diskutiert wird? AI-Worlding, Museum Angewandte Kunst Frankfurt, bis 26. April.