Bei der Entwicklung der sechsten Mobilfunkgeneration (6G) soll Hessen eine führende Rolle einnehmen. Diese Absicht bekräftigte Digitalministerin Kristina Sinemus (CDU) am Mittwoch bei der öffentlichen Präsentation der Neuauflage ihres „Masterplans“. Als „Zukunftslabor“ soll der Bertramshof in Frankfurt dienen. Das auf digitale Innovationen ausgerichtete Zentrum für Forschung, Gründer und Bürger wird voraussichtlich im Mai eröffnet. Damit stärke man die digitale Resilienz Europas, so die Ministerin. Das sei angesichts der geopolitischen Lage wichtiger als je zuvor. Martin Kumm, Professor für Angewandte Informatik und Mitbegründer des Darmstädter Start-ups Open Radio Systems, berichtete, dass am Bertramshof mit der Einrichtung eines 6G-Testfelds eine zukunftsweisende Mobilfunk-Installation der besonderen Art entstehe. Sie biete auf der Basis offener Software ein produktives, privates Netz der fünften Generation, das bereits heute technologisch offen sei für den künftigen 6G-Standard. Technologische Unabhängigkeit im Mobilfunk Dessen Markteinführung wird für 2030 erwartet. Dank europäischer Hardware und Kernkomponenten aus Hessen sichere das Projekt die heimische digitale Souveränität und bringe die technologische Unabhängigkeit im Mobilfunk zurück, sagte Kumm. Mit einer leistungsfähigen Architektur ermögliche die Installation außerdem den breiten Einsatz moderner KI-Methoden – beispielsweise zur Automatisierung komplexer Prozesse oder zur proaktiven Angriffserkennung. Neben der Entwicklung des Bertramshofs setzt Hessen die Zusammenarbeit mit den vier Mobilfunknetzbetreibern Deutsche Telekom, O2 Telefónica, Vodafone und 1&1 fort. Bis 2030 soll mit einer Abdeckung von 99,5 Prozent eine nahezu flächendeckende Mobilfunkversorgung in Hessen erreicht werden – und zwar in allen vier Netzen. Sie liegt heute im Durchschnitt bei ungefähr 77,5 Prozent. Weiße Flecken und Funklöcher Diese Zahlen sind von der Statistik zu unterscheiden, die nicht für die Abdeckung mit allen Netzen gilt, sondern nur für die prinzipielle Versorgung mit dem Standard 4G. Diese „weißen Flecken“ bilden heute insgesamt nur noch 3,2 Prozent der Landesfläche. Die sogenannten Funklöcher, in denen sich nicht einmal ein Notruf absetzen lässt, machen zusammengenommen nur 0,2 Prozent Hessens aus. Sie liegen in schwer erschließbaren Gebieten wie Keller- und Reinhardswald, in denen keine Mobilfunkmasten aufgestellt werden können. Stattdessen will Sinemus dort künftig Satellitentechnologie einsetzen. Schon heute ermöglichten moderne Smartphones Notfallnachrichten via Satellit zu übermitteln. „Perspektivisch werden auch Telefonie und weitere Anwendungen direkt über Satellitennetze möglich sein – ganz ohne Mast vor Ort“, sagte die Ministerin. Die Vertreter der vier Mobilfunknetzbetreiber wollen bis 2029 rund 4000 Standorte modernisieren oder neu errichten. Die Zusammenarbeit mit dem Digitalministerium in Wiesbaden nannten sie im Hinblick auf die anderen Bundesländer vorbildlich. Das sieht die Opposition anders. Der FDP-Abgeordnete Oliver Stirböck nannte die Zielsetzung „wenig ambitioniert“. Im internationalen Vergleich sei der Stand der Mobilfunkversorgung in Hessen „geradezu peinlich“.
