Auf der Tribüne saß am Samstagabend ein Mann, der viele Jahre lang für RB Leipzig auf dem Rasen stand. Dick eingepackt verfolgte Emil Forsberg das Geschehen, und es war nicht schwer zu erkennen, dass er sich prächtig amüsierte bei diesem 6:0 seines alten Arbeitgebers gegen Eintracht Frankfurt. Forsberg verließ Leipzig vor beinahe genau zwei Jahren, weil er spürte, dass seine Zeit dort zu Ende geht. Inzwischen ist er in New York tätig und bereits in den Ferien. Der Angreifer freute sich über jeden Angriff seiner Nachfolger, später sagte er: „Es macht großen Spaß, den Jungs zuzuschauen. Sie sind unglaublich gut und haben großes Potential.“ Forsberg gehört einer Generation von Spielern an, die sich – wie in seinem Fall – entweder bereits verabschiedet hat oder gerade dabei ist, sich zu verabschieden. Zu ihr gehören auch Timo Werner, Amadou Haidara, Kevin Kampl und Lukas Klostermann. Alle vier sind zwar noch da, aber irgendwie dann doch nicht mehr so richtig. Das gilt besonders für Werner, der gegen Frankfurt wieder nicht im Aufgebot stand und Leipzig im Winter mit großer Wahrscheinlichkeit verlassen wird. Ganz geräuschlos, durch die Hintertür. Angedacht ist ein Wechsel nach Nordamerika zu Inter Miami, dem frisch gekürten Meister der Major League Soccer. Dort wäre er dann Teamkamerad von Lionel Messi und zukünftiger Gegner von Forsberg. Angeblich ist Leipzig sogar bereit, Werner ohne Ablöse ziehen zu lassen. Das Gleiche gilt für Kampl, Haidara und Klostermann. Spektakulärer Wandel vor dieser Saison Sie alle sind wie Forsberg Opfer der Leipziger Evolution. Verdiente Fußballer der Vergangenheit, verdrängt von der Zukunft, die vertreten wird durch Yan Diomande, Antonio Nusa oder Conrad Harder, dem jungen Dänen, der gegen Frankfurt sein erstes Tor in der Bundesliga erzielte. An kaum einem Standort verändert sich das Mannschaftsbild so konstant wie in Leipzig. Seit dem Aufstieg 2016 folgt RB dem gleichen Muster. Junge Spieler, vorrangig aus dem europäischen Ausland, werden zu meist schon üppigen Summen eingekauft. In der Hoffnung, dass sie in Leipzig noch mal eine signifikante Wertsteigerung erfahren. Beispiele dafür gibt es viele, ob nun Dayot Upamecano, Christopher Nkunku, Joško Gvardiol, Dani Olmo oder zuletzt Benjamin Šeško. Es ist erstaunlich, mit welcher Treffsicherheit Leipzig immer wieder Abgänge ersetzte. So spektakulär wie in dieser Saison vollzog sich der Wandel aber noch nie. Neben erwähntem Šeško verließen auch Loïs Openda und Xavi Simons den Klub. Fußballer von großem sportlichen Wert, aber mit wenig Interesse am großen Ganzen. Leipzig, das war bisher auch immer ein klubgewordener Durchlauferhitzer, der bisweilen schnell abkühlte. „Wir können noch mehr“ Natürlich muss sich auch die gegenwärtige Generation, kaum dass sie für Furore sorgt, die Frage gefallen lassen, wie es um ihre Halbwertszeit bestellt ist. Vor allem der unwiderstehliche Diomande dürfte schon jetzt das Interesse größerer Klubs geweckt haben. Der Ivorer wurde vor Kurzem 19 Jahre alt. Gegen Frankfurt erzielte er seine Saisontore vier, fünf und sechs. Damit dürfte eine Nominierung für die Nationalmannschaft der Elfenbeinküste wahrscheinlicher werden. Sollte er zu dem am 21. Dezember beginnenden Afrika-Cup eingeladen werden, stünde er Leipzig nur kommenden Freitag bei Union Berlin zur Verfügung. Drei Treffer gegen einen einzigen Gegner waren für Diomande eine Premiere. Seine Worte danach klangen wie eine Drohung an die Konkurrenz. „Wir können noch mehr“, sagte er. Das ist, bei allem Optimismus, eine beängstigende Vorstellung. Frankfurt hatte in diesem ungleichen Kräftemessen nie eine Chance. Nach dem frühen Führungstreffer durch Harder, der den zögerlich herauslaufenden Frankfurter Torwart Michael Zetterer einfach überlupfte, traf Christoph Baumgartner zum 2:0. Baumgartner, das ist noch so ein Gewinner des sommerlichen Umbruchs. Unter Trainer Ole Werner ist er anders als unter dessen Vorgänger gesetzt und hat sich zur Führungspersönlichkeit entwickelt. Die 20 Minuten nach der Pause waren dann ein einziger Rausch und zeigten, warum Leipzig derzeit auf Platz zwei hinter den enteilten Bayern liegt. In Sachen Tempo und Spielfreude war Leipzig um den dreifachen Torschützen Diomande und Kapitän David Raum, der per Elfmeter zum Endstand traf, so überlegen wie vielleicht noch nie in dieser Saison. „Ganz ehrlich, ich habe es auch nicht so erwartet“, sagte ein staunender Baumgartner. Momentan gelingt seiner Mannschaft scheinbar alles. Sogar, sich selbst zu überraschen.
