Wäre unser Bild von Ludwig XIV. dasselbe, wenn nicht zwei auf je ureigene Art geniale Schriftsteller stark persönlich getönte Zeugnisse seiner langen Herrschaft auf Papier gebettet hätten? Die reichte von 1643 bis 1715, und das knappe halbe Jahrhundert zwischen 1648 und 1696 deckte Madame de Sévigné in ihrer Korrespondenz ab, während die Jahre 1691 bis 1715 (freilich mit Rückblicken auf die Zeit davor) vom Duc de Saint-Simon in seinen Memoiren dokumentiert werden. Nachdem man letztes Jahr den 350. Geburtstag des Herzogs begangen hat, ist jetzt der vierhundertste der Marquise. Sie wurde unter dem Namen Marie de Rabutin-Chantal am 5. Februar 1626 in Paris geboren. Auf beiden Seiten der Familie Adlige und Geistliche – und sogar eine künftige Heilige: Jeanne de Chantal, Großmutter väterlicherseits, Mitgründerin des Ordens von der Heimsuchung Mariens, als starke, selbstbestimmte Frau und unermüdliche Briefeschreiberin ein doppeltes Rollenvorbild. Maries erste fünfundzwanzig Lebensjahre waren gekennzeichnet durch Schicksalsschläge. Erst wurde der Einjährigen der Vater durch eine englische Kanonenkugel geraubt, dann der Siebenjährigen die Mutter durch Krankheit. Ihr Gatte starb nach sechseinhalb Jahren Ehe im Duell Drei Jahre später starb auch der eingesetzte Vormund, und es bestand die reale Gefahr, dass die Kleine ins Kloster weggesperrt würde – auf Betreiben einer raffgierigen Tante väterlicherseits, die sich das reiche Erbe des Waisenmädchens zugunsten der eigenen Sprösslinge unter den Nagel reißen wollte. Doch die Familie Coulanges mütterlicherseits, in der Marie inmitten von Cousins und Cousinen aufgewachsen war, vermochte das finstere Vorhaben zu vereiteln. So verlief die Kindheit zwischen einem hôtel particulier an der heutigen Place des Vosges und einem Landgut in Sucy-en-Brie, wo die Kleinen sangen oder Scharade spielten, fischten oder im Flüsschen schwammen. Wie es sich für eine künftige Hoffrau ziemte, lernte Marie das Spinett traktieren und Italienisch radebrechen. Prägend war im Tross einer Tante die Frequentierung zweier Literaten: Jean Chapelain und Gilles Ménage so wurde der Backfisch in die belles-lettres eingeweiht, lauschte Gedichtvorträgen, Diskussionen über Verse und galant-gelehrten Konversationen. Bald war Marie reif für die Haube. Ihr Gatte Henri de Sévigné glich dem Vater, den Marie kaum gekannt hatte: einnehmend, heißspornig, verschwenderisch, unverhohlen treulos (er hatte unter anderem eine Liebschaft mit der legendären Hetäre Ninon de Lenclos). Und jungverstorben: genau sechseinhalb Jahre nach dem Jawort bei einem Duell. Eine Karte des imaginären Landes „Zart“ Marie blieb mit zwei Kindern zurück. Und überstand auch diesen Schlag. Nach dem ersten Schock begann für die junge Witwe eine später gar als „süß und glücklich“ erinnerte Zeit. Die Fünfundzwanzigjährige war blond, gut gebaut, etwas größer als die meisten und ebenso vif wie gewandt. Ihr Liebreiz zog Marquis, Grafen und Fürsten, ja sogar einen Cousin des Königs an, den Prince de Conti. Auch ihr eigener Vetter Roger de Bussy-Rabutin machte ihr schriftlich den Hof. Marie ließ ihn wie alle anderen zappeln, erkor den bedeutenden Literaten aber zum lebenslangen Konfidenten und Briefpartner, mit dem sie gern rabutinierte. In Wahrheit schloss sie eine Wiederverheiratung kategorisch aus: Neben einer abermaligen Schwangerschaft, seinerzeit ein lebensbedrohliches Risiko, fürchtete sie, sich erneut einem vergeuderischen Ehebrecher in die Hand zu geben, der väterliche Gewalt über die Kinder gewänne. Lieber pflegte sie ihre weiblichen Freundschaften. In den Salons der Veteraninnen Madame de Rambouillet, genannt „Arthénice“, und Mademoiselle de Scudéry alias „Sapho“ begeisterte sie sich für mittelalterliche Ritterromane und für Honoré d’Urfés Schäferroman „L’Astrée“ – den sie wieder und wieder las –, schwärmte für das Frauenideal der Minnesänger und für jenes der Petrarkisten. Programm war namentlich, die zeitgenössischen Grobiane zu „entbrutalisieren“ – zum Beispiel, indem man ihnen zwecks unfallfreier amouröser Navigation eine Karte des imaginären Landes „Zart“ („Tendre“) in die plumpen Hände drückte. Die etwas jüngere Marie-Madeleine de Lafayette, spätere Autorin des Romans „La Princesse de Clèves“, wurde zu einer lebenslangen Freundin. 1659 beschrieb sie Marie de Sévigné in einem anonym veröffentlichten Porträt wie folgt: „Wenn Sie animiert sind, in einer Plauderei, aus der jeder Zwang gebannt ist, hat alles, was Sie sagen, einen solchen Liebreiz, und steht Ihnen so gut an, dass Ihre Worte aus dem Rund Gelächter und Grazien auf Sie ziehen.“ Mademoiselle de Scudéry ihrerseits zeichnete im Schlüsselroman „La Clélie, histoire romaine“ die „Clarinte“ genannte Seele einer „überaus galanten Gesellschaft“, deren Konversation „leicht, unterhaltsam und natürlich“ fließt und die „ohne sich schöngeistig zu spreizen, in allen schönen Dingen aufs Bewundernswerteste bewandt ist“. Im 1661 veröffentlichten „Grand Dictionnaire des précieuses“ endlich hieß es von einer jungen blonden Witwe, die versiertesten Literaten seien stolz auf ihr Lob. Aus der Zeit bis dahin sind lediglich achtundzwanzig Briefe erhalten. Sie weisen bereits Charakteristiken der späteren Schreiben auf: neckisch-verspielten Tonfall, Vorliebe für verbale Erfindungen (namentlich Neologismen), erste Ansätze des Formulierens allgemeingültiger Maximen, das Ganze grundiert durch Zartheit. Von der Lächerlichkeit der durch Molière mokierten Preziösen dagegen keine Spur. Der König ließ ihren Feund Fouquet verurteilen Im Spätherbst 1661 kam es zum Sturz von Nicolas Fouquet. In einem Kästchen mit seiner Privatkorrespondenz wurden auch Briefe von Madame de Sévigné gefunden. Zwar hatte diese das Liebeswerben des Finanzministers mit einem Freundschaftsantrag pariert. Aber in einer Zeit, in der auch Fouquets Freunde verdächtig waren, barg die bloße Verbindung mit dem Paria Gefahr. Schließlich begutachtete der Sonnenkönig selbst den Inhalt der Kassette – und befand Maries Briefe für „ungleich vergnüglicher“ als den „süß-faden“ Rest. Im Lauf der drei nächsten Jahre würde die Marquise den (misslungenen – Fouquet verteidigte sich souverän) Schauprozess gegen „unseren armen Freund“ in vierzehn erhaltenen Briefen verewigen. Wie später Saint-Simon wusste sie Hauptprotagonisten des jeweiligen Geschehens als Informanten zu gewinnen, und wie dieser verfasste sie eine Mischung aus faktischer Chronik und lebensprallem Drama. Fouquet wurde am Ende verurteilt: Der König wollte es so. Aber namentlich dank Madame de Sévigné ist er für uns Nachgeborene unschuldig – oder, falls partiell schuldig, so zumindest das Opfer eines unfairen Prozesses. Wie sie es richtig spannend in ihren Briefen machte In den zwei folgenden Jahrzehnten würde Marie so für Adressaten, die in fernen Provinzen weilten, Geschehnisse rapportieren und kommentieren, die sich heute in allen Geschichtsbüchern finden. So die prunkvollen Versailler Feste, bei denen sie gelegentlich am Tisch des Königs speisen durfte und einmal sogar die Ehre hatte, ihre Tochter in einem Ballett an der Seite von Ludwig XIV. auftreten zu sehen. Oder den jähen, als Giftmord angesehenen Tod von Henrietta Anne Stuart, der ersten Gattin des Bruders des Königs (der sich danach mit der Briefeschreiberin Liselotte von der Pfalz wiedervermählte, einem deutsch-derben Pendant zur Marquise). Oder die Posse um die durch Ludwig XVI. erst gestattete, dann aber untersagte Verheiratung seiner „La Grande Mademoiselle“ genannten Cousine, der reichsten Frau Europas, mit einem Karrieristen und Verführer – Marie machte daraus ein Feuilleton in Episteln, zum Auftakt die eigentliche Nachricht spannungsfördernd aufschiebend: „Heute melde ich Ihnen das erstaunlichste, überraschendste, wunderbarste, triumphierendste, betäubendste, unerhörteste, sonderbarste, außerordentlichste, unglaublichste, unvorhergesehenste, größte, kleinste, seltenste, gewöhnlichste, schlagendste, bis heute geheimste, glänzendste, beneidenswerteste Ereignis, kurz ein Ereignis, für das man in den vergangenen Jahrhunderten nur ein Beispiel findet, und zwar ein Beispiel, das nicht einmal passt; ein Ereignis, das man nicht in Paris, geschweige denn in Lyon glauben kann; ein Ereignis, das jedermann einen Ausruf des Schreckens entlockt; ein Ereignis, das Madame de Rohan und Madame d’Hauterive mit Freude erfüllt; mit einem Wort, ein Ereignis, das sich nächsten Sonntag begeben soll und Montag vielleicht noch nicht vollzogen ist. Ich kann es nicht übers Herz bringen, es Ihnen zu sagen; raten Sie!“ Doch peu à peu verlagerte sich der Fokus vom Hof, den Marie desillusioniert „diese Gegend da“ („ce pays-là“) nannte, auf den Kreis der Freunde und Verwandten. Und zuvörderst auf die beiden Kinder. Die Korrespondenz mit dem jüngeren, Charles, ist leider in Gänze verloren, so dass sich ein flagrantes Ungleichgewicht zugunsten der Erstgeborenen ergibt. Françoise erscheint im Spiegel des Briefwechsels, der im Februar 1671 mit dem Umzug der Jungverheirateten zu ihrem Gatten nach Grignan in der Provence beginnt, als eine ebenso komplexe wie komplizierte Persönlichkeit. Die Tochter neidet der Mutter den gesellschaftlichen und, wenn man so sagen kann, künstlerischen Erfolg: Maries Briefe wurden in kleinen, erlauchten Kreisen vorgelesen. An der eigenen Erstgeborenen zeigte Françoise keinerlei Interesse; wechselweise zeigt sie sich bitter, zänkisch, hochmütig oder niedergeschlagen. Freilich ist auch sie belesen, sensibel und mit einer geschmeidigen Feder gesegnet. Die Liebe, die Marie de Sévigné für ihre Tochter hegte, grenzt an Vergötterung – nicht von Ungefähr wirft ein väterlicher Seelsorger ihr einmal „heidnische Idolatrie“ vor. Ihre Verwandten kämpften in Europas Kriegen mit Charles dagegen ist ein Herzchen. Zwar tritt er zunächst in die Fußstapfen des Vaters, den er kaum gekannt hat, bandelt (unter vielen mehr) mit dessen einstiger Geliebten Ninon de Lenclos an, tut sich aber schwer, eine Gemahlin zu finden, und ist ebenso sumptuös wie der Papa. Aber diese Jugendsünden, denen er bis zur späten Verheiratung im Alter von fünfunddreißig anhängt, kompensiert Charles mit Charme, Humor, zärtlicher Fürsorge für die Mutter und Unkompliziertheit im täglichen Umgang. Nicht zu vergessen sein komödiantisches Talent beim Vorlesen von Briefen und Büchern. Madame de Sévignés Korrespondenz, 1372 Briefe (Antworten inbegriffen) in der Referenzausgabe der Bibliothèque de la Pléiade aus den Siebzigerjahren, erscheint so als eine Mischung aus Zeit- und Familienchronik. Heutige Leser vermag hier vieles zu reizen. So der laufende Fokuswechsel zwischen Mikrobereich (Modetipps, Kochrezepte, Gesundheitsratschläge) und Makrofeld – wobei auch europaweite Kriege die persönliche Sphäre berühren, kämpfen doch Bekannte und Verwandte mit. So auch die voraufklärerische, mitunter schier präromantische Sensibilität für die Schönheiten der Natur, für die Notwendigkeit einer sanften, liebevollen Kindererziehung, für regionale Partikularismen – Madame de Sévigné lernte in ihrem vom Gatten geerbten Landsitz Les Rochers die Bretagne und deren Bewohner lieben. Oder die von manchen, etwa dem Romancier Marcel Proust in seinem Zyklus „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“, etwas einseitig betonte Mutterliebe, die von Güte und Selbstlosigkeit überfließt – dabei war die Briefeschreiberin auch erfüllt von Standesdünkel, von Verachtung für die geistig weniger Glänzenden, von gutkatholischem Überlegenheitsgefühl über die verfolgten Protestanten. Aber letztlich ist es, wie bei Saint-Simon, der Stil, weswegen die Lektüre der Briefe bis heute lohnt. Madame de Sévigné schrieb, wie sie plauderte: „liebenswürdig, glänzend, gedankenreich und voller Zartgefühl: ein genauer und geradliniger Stil, der die Gedanken in Bewegung setzt und bis zum letzten Grad gefällig ist“, so das 1671 in einem Schreiben an die Tochter aufgestellte Ideal.
