FAZ 22.01.2026
19:57 Uhr

32:30 in Hauptrunde: Deutschland besiegt Portugal im Krimi bei Handball-EM


Zum Auftakt der EM-Hauptrunde stellt sich das DHB-Team erst auf die ungewohnten Umstände und dann auf einen ekligen Gegner ein. Gegen Portugal wird die Breite des Kaders zum Schlüssel.

32:30 in Hauptrunde: Deutschland besiegt Portugal im Krimi bei Handball-EM

Ungewohnte Anfangszeit, ungeplanter Gegner, schwacher Start ins erste Hauptrundenspiel? Den deutschen Handballspielern ist es dreimal egal. Dann stellt man sich halt um, ändert den Tagesablauf und, wenn es wie am Donnerstag zur Kaffee-und-Kuchen-Zeit in die Halle geht, notfalls auch die Taktik gegen einen unangenehmen Gegner. Eine Halbzeit lang lief es nicht gut bei der Auswahl des Deutschen Handballbundes (DHB), sie wirkte gegen Portugal träge und orientierungslos. Doch dank einiger taktischer Kniffe sowie frischer Kräfte konnte die deutsche Nationalmannschaft ihren holprigen Hauptrundenauftrakt letztlich erfolgreich gestalten. 32:30 gewann sie gegen Portugal. „Das war heute kein Leckerbissen, aber ein Kampfspiel, das wir angenommen haben“, sagte Torhüter David Späth, der dabei sechzig Minuten in der ersten Reihe saß. Das DHB-Team präsentiert sich in Herning als Meister der Anpassung. Unerwartete Rückschläge wie in der Vorrunde gegen Serbien werden weggesteckt, eine schwache erste Halbzeit wie gegen die unangenehmen Portugiesen wird zu einem guten Ende gebracht. Nach dem ekligen Nachmittagsduell zum Hauptrundenauftakt kann die DHB-Auswahl mit dem Maximum von vier Punkten auf der Habenseite gut leben. Versteht sie es, sich auch den kommenden drei Gegnern Norwegen, Dänemark und Frankreich so gut anzupassen und den Schneid abzukaufen, wäre der erhoffte Halbfinaleinzug gut machbar. „Der Druck wird von Spiel zu Spiel größer, egal ob wir gewinnen oder verlieren“, sagte Renars Uscins, der sechs Treffer erzielte und mit 24 Toren aus vier Spielen bester deutscher Turnierschütze ist. Kapitän Golla entgeht Sperre Weitere Erleichterung brachte später am Abend die Nachricht, dass Kapitän Johannes Golla am Samstag gegen Norwegen (20.30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Handball-EM) mitspielen darf. Zwar erhielt der Flensburger nach einem Zweikampf gegen Portugals Jungstar Francisco Costa eine Rote Karte (53. Minute). Doch verzichtete der Europäische Handballverband nach Ansicht der Videoaufzeichnung auf eine Sperre. Anders als das schwache Schiedsrichtergespann aus Schweden hat die EHF offenbar keinen Schlag Gollas ins Gesicht gesehen. „Ich treffe ihn auch nicht beim ersten Kontakt, sondern beim zweiten. Das ist eine Situation, die so vorkommt“, sagte der 28-Jährige. In der Herninger Halle, die 15.000 Zuschauer fasst, herrschte am Donnerstagnachmittag nicht so ein Budenzauber wie an den Vorrundenabenden, an denen der Gastgeber oder der deutsche Nachbar spielte. Nicht nur die DHB-Auswahl hatte die Ansetzung zum Hauptrundenauftakt überrascht, sondern auch die Fans aller Länder: statt gegen Dänemark zur Prime Time ging’s für die Deutschen gegen den Olympiasiegerbesieger Portugal am helllichten Tag. Es kamen 6145 Menschen, die Mehrzahl waren unparteiische Dänen. „Das war heute eine schwierige Kulisse, weil es nicht so laut war wie die letzten Male“, sagte Torhüter Späth, der sechzig Minuten zuschauen durfte, wie sein Kollege fast jeden dritten Wurf der Portugiesen parierte. Dank dieser Quote wurde der 34-Jährige zum Spieler des Spiels. Ebenso hätte Miro Schluroff die Ehre verdient gehabt, der im Angriff die Wende zum Besseren einleitete und den Ball siebenmal mit Höchstgeschwindigkeit ins portugiesische Tor schleuderte, als es drauf ankam. „Das ist wichtig für mein Selbstbewusstsein im weiteren Turnierverlauf“, sagte der Profi vom VfL Gummersbach. Die deutsche Mannschaft war zuvor doppelt gewarnt: historisch durch die eigene Niederlage im WM-Viertelfinale vor einem Jahr in Oslo, aktuell nach dem Coup der Lusitaner am Dienstag gegen Dänemark. Das Duell artete zwar nicht in Hauen und Stechen aus. Aber es war auch mehr als ein Ziehen und Zerren, sobald sich die Deutschen dem lusitanisches Abwehrblock näherten. In der ersten Halbzeit wirkten Gislasons Getreue davon überrascht und überfordert. Ihre neun technischen Fehler wären normalerweise dazu angetan gewesen, zu einem herben Rückstand zu münden. Weil aber die eigene Abwehr standhielt und den kaum weniger patzenden Portugiesen zehn Minuten lang kein Treffer gelang, ging es mit einem 11:11 in die Pause. „Wir waren sehr gehemmt“, sagte Gislason: „Es war viel Stress im Spiel.“ Die deutsche Taktik, den körperlich und nervlich aufreibenden Positionskämpfen auszuweichen und dem WM-Vierten mit Tempospiel zu trotzen, ging zunächst anders auf als gedacht. Bei der DHB-Auswahl war anfangs wenig im Fluss. Man sei von der portugiesischen Vorgehensweise überrascht gewesen, gab Uscins später zu. „Wir nehmen schlechte Würfe und sind und kommen nicht in den Zweikampf.“ Nach dreizehn Minuten stoppte Gislason beim Stand von 6:8 den Spuk am Nachmittag. Er ordnete sein Team neu, brachte unter anderem in Nils Lichtlein einen neuen Spielmacher und Siebenmeterschützen. „In der Halbzeit haben wir an unsere Stärken appelliert“, sagte Uscins, mit sechs Treffern zweitbester deutscher Schütze. Und es wurde besser. Während Wolff hinten reihenweise Würfe abwehrte, fanden seine Kollegen vorne öfter Durchschlupf. Wenn nicht, schleuderten Schluroff und Uscins aus dem Rückraum den Ball ins Netz. Dank ihrer Breite, der sich die DHB-Auswahl so gerne rühmt, kann sie sich jeder Herausforderung anpassen.