FAZ 17.01.2026
19:04 Uhr

3:2 gegen FC St. Pauli: Der BVB nimmt den Kanzler mit in die Achterbahn


Friedrich Merz erlebt als Zuschauer in Dortmund ein BVB-Drama. Mit ganz viel Glück und mit Hilfe des Videoassistenten gelingt doch noch der Bundesliga-Sieg über den FC St. Pauli in der Nachspielzeit.

3:2 gegen FC St. Pauli: Der BVB nimmt den Kanzler mit in die Achterbahn

Fußball auf einem exquisiten Niveau hat Friedrich Merz wahrlich nicht zu sehen bekommen während seines ersten Besuchs eines Bundesligaspiels als Bundeskanzler. Und ganz sicher hat der CDU-Politiker auch eine ordentliche Portion Groll des für seine Angespanntheit bekannten Hans-Joachim Watzke zu spüren bekommen. Der Präsident des BVB hatte am Vormittag eine Laudatio auf Merz gehalten, der vom Bäckerinnungsverband WEST in Dortmund den „Großen Stutenkerl“ verliehen bekam. Anschließend sah er mit schwarz-gelbem Schal um den Hals einen sehr fehlerhaft spielenden BVB. „Das war wie so oft bei uns eine Achterbahnfahrt“ Mutmaßlich hat er das Stadion trotzdem zufrieden verlassen, weil er am Ende doch noch ein BVB-Drama miterleben durfte, mit einem Siegtreffer zum 3:2, den Emre Can tief in der Nachspielzeit per Elfmeter erzielte. „Das war wie so oft bei uns in dieser Saison eine Achterbahnfahrt“, sagte Can, der diesen komplizierten Tag irgendwie gerettet hatte. Aber die Dortmunder bleiben ein Team der inneren Widersprüche. Das Punktekonto ist sehr gut gefüllt, die Ergebnisse sind beachtlich. Aber die Mannschaft quält ihr Publikum immer wieder mit einer Spielweise, die eigentlich nicht zu diesem mit vielen starken Fußballern besetzten Kader zu passen scheint. Wie der SV Werder Bremen unter der Woche haben die Hamburger gute Mittel gefunden, um das Spiel des BVB zu stören. „Die nötigen Räume zu finden, war nicht einfach. Wir haben es uns auch nicht leicht gemacht“, sagte Trainer Niko Kovač. „Wir haben einfach zu viele Abspielfehler und zu viele Unsauberkeiten in unserem Spiel.“ Als die Nachspielzeit der ersten Halbzeit begann, war vorstellbar, dass in der Pause abermals Teile des Publikums pfeifen würden. So wie schon in der Halbzeit der Partie gegen Bremen am Dienstag. Diesmal jedoch gelang der Mannschaft in der Nachspielzeit der ersten Hälfte doch das Führungstor. Endlich einmal hatte sich Karim Adeyemi auf dem rechten Flügel durchgesetzt und versuchte, Silva anzuspielen. Der verpasste den Ball jedoch, woraufhin plötzlich Brandt wenige Meter vor dem Tor nur noch einschieben musste. Diese Führung spiegelte schon irgendwie die Leistungen wider, denn der BVB war überlegen. Aber wie das Duell des Tabellenzweiten mit dem Vorletzten sah das Spiel wahrlich nicht aus. Auch die Mannschaft von Alexander Blessin hatte ein paar Abschlussmöglichkeiten und für einen Moment glaubten die Hamburger sogar, einen Handelfmeter ausführen zu dürfen. Doch der Schiedsrichter Harm Osmers nahm die Entscheidung nach Ansicht der TV-Bilder zurück, weil Silva seinen Arm eng am Körper hatte, als er getroffen wurde (18.). Und so schien der Nachmittag nach der Pause doch den erwarteten Verlauf zu nehmen. Denn am Ende des schönsten Spielzugs der Partie über Brandt und Silva schoss Adeyemi das 2:0 (54.), der effiziente Kovač-BVB befand sich auf direktem Weg zu einem sehr unspektakulären Arbeitssieg. Doch der FC St. Pauli war ein starker Gegner und wehrte sich. „Ich fand, dass wir über das ganze Spiel gut drinnen waren“, sagte Hauke Wahl, nachdem seiner Mannschaft tatsächlich durch zwei Standardsituationen das 2:1 und das 2:2 gelang. „Wir müssen das besser runterspielen“, sagte Can, nachdem James Sands eine Ecke ins Tor geköpft (62.) und Ricky-Jade Jones einen Freistoß ins Netz verlängert hatten (72.). „Was die Mannschaft da geleistet hat, das ist unglaublich. Danach hatte ich sogar das Gefühl, wir sind näher dran am 3:2“, sagte Trainer Blessin, „in der Summe ist das eine ganz bittere Niederlage.“ Nur mit ganz viel Glück und mit Hilfe des Videoassistenten, auf dessen Hinweis Osmers schließlich den entscheidenden Elfmeter pfiff, gewannen die Dortmunder doch noch. Ricky-Jade Jones hatte Maximilian Beier auf der Strafraumlinie am Bein getroffen. „Die Mannschaft hat trotzdem den Willen, den Glauben. Der Sieg ist sicherlich sehr wichtig gewesen“, sagte Kovač. Der Trainer hat schon recht, wenn er auf die Erfolge hinweist, auf die vielen Punkte, den Tabellenplatz. Aber Stadionfußball ist im besten Fall eben auch Unterhaltung, gerade in Dortmund. Im Moment sind viele Partien mühsam und zäh, was einerseits am Fokus des Trainers auf Stabilität und Seriosität liegen mag. Andererseits ist schwer verständlich, warum ausgewiesene Offensivkönner wie Adeyemi, Brandt, Silva, Felix Nmecha, Serhou Guirassy oder Beier im Moment so viel Mühe haben, die hingebungsvolle Spielweise mit einem starken Angriffsfußball zu verbinden. Denn die größte Stärke der Dortmunder zeigt sich in dieser Saison tatsächlich an einer Stelle, wo in der jüngeren Vergangenheit die größten Schwächen lagen. Weltklasseleute wie Erling Haaland und Jude Bellingham fehlen im Kader, dafür aber ist ein imponierender Siegeswille vorhanden, der das Team sehr stabil gemacht hat.