Als Robinson Crusoe, der berühmte Schiffbrüchige aus dem Roman von Daniel Defoe, auf seiner einsamen Insel angeschwemmt wird, baut er zuerst einmal ein Haus. De facto ist es sogar eine Art Festung, ein Rückzugsort hinter Holzpfählen. Er geht damit auf Abstand zu der tropischen Natur, die ihn umgibt, und die ihn nicht überwuchern soll. Sein Lebensstandard entspricht dem, was im 17. Jahrhundert auf einem Schiff mitgeführt werden konnte und was er auf dem nicht nur paradiesischen Eiland findet. Es versteht sich also von selbst, dass er ohne Schallplattensammlung auskommen musste, womit der wichtigste Unterschied benannt wäre zu dem modernen Robinson Ian Kelson, der in dem Film „28 Years Later: The Bone Temple“ die Fahne der Menschheit (und der Menschlichkeit) hochhält. Man kennt ihn schon aus dem ersten Teil der Fortsetzung der Zombiesaga, die 2002 mit „28 Days Later“ begann, 2007 mit „28 Weeks Later“ fortgesetzt wurde und dann lange Pause machte, bis im Vorjahr „28 Years Later“ herauskam. Da war schon ausgemacht, dass es eine Fortsetzung mindestens in zwei Teilen sein würde, die nun eben ihr Ziel erreicht, nämlich in und mit dem Knochentempel von Doktor Kelson. Das Böse wird studiert Er ist einer der wenigen Menschen, die von der Seuche übrig geblieben sind, die den größten Teil der Gattungsgenossenschaft in rasende Bestien verwandelt hat. Bei George A. Romero in „Night of the Living Dead“ (1968) waren die Untoten noch eher langsame, unerbittliche Schauderwesen, denen man mit den Tugenden des amerikanischen Westens entgegentreten konnte. In der Welt von „28 Days Later“, die Alex Garland erfand und die er nun noch einmal maßgeblich auf Vordermann bringt, gehört die ganze britische Insel den Meuten, die von dem „Wutvirus“ befallen sind und über jegliches sichere Terrain in der Regel einfach hinwegfegen wie eine biblische Plage. Der frühere Arzt Ian Kelson ist einer der wenigen, die sich auch noch nach längerer Zeit behaupten konnten. Seine Festung besteht, wie der Name schon sagt, aus Gebein. Das mag auch etwas Geisterabwehrendes haben, aber Knochen sind nun einmal von der Evolution auf Widerstandskraft optimiert. Sie müssen immerhin auch das Gehirn schützen, das ist definitiv das Organ, auf das Kelson in besonderem Maß setzt. Anders als Colonel Kurtz in dem Kriegsfilm „Apocalypse Now“, an dessen gottloses Heiligtum im tiefen Dschungel der „Bone Temple“ erinnert, ist dessen Bewohner ein Intellektueller. Wer es mit dem Bösen aufnehmen will, der muss es zuerst einmal studieren. Es bleibt gerade noch der aufrechte Gang Von diesen Charakterzügen des Doktor Kelson weiß das Publikum schon ein wenig aus dem ersten Teil von „28 Years Later“, denn dort machte sich ein Junge auf den Weg zu einem Ort hinter dem Horizont, der zuerst durch einen Feuerschein bemerkbar wurde. Feuer ist seit der klassischen Mythologie ein erstes Kulturzeichen, und Spike behält mit seiner Intuition recht. Allerdings wäre es zu einfach, wenn er einfach in den Orden von Kelson eintreten würde, wenn er der Freitag zu diesem neuen Robinson würde. Spike muss einen Umweg nehmen, um Alex Garland eine Brücke zu bauen zu einem großartigen Ritualfinale, bei dem es dann tatsächlich maßgeblich auch darauf ankommt, dass sich im „Bone Temple“ Relikte der verlorenen Kultur befinden. Schöne, glänzende, schwarze Schallplatten, die schreckliche Klänge gespeichert haben. Die Zombiemythen waren immer schon ein Resonanzraum, in dem sich aktuelle Ängste und neueste Gesellschaftsphantasien ausbreiten konnten. Die Saga von Alex Garland kann man inzwischen sehr deutlich als einen Versuch über die Natur lesen, in beiderlei Sinn des Wortes: eine Wiederkehr der Idylle im Zeichen der Ruine, eine Unberührtheit, die der Tod hinterlässt, eine Landschaft, in der Vegetation wieder mit sich allein sein kann. Dies alles im Zeichen einer Menschenspezies, die ihre Natur, die der ersten Natur entwachsene Natur, verloren hat. Das Virus macht Schluss mit dem Humanum und hinterlässt eine groteske Gestalt, die gerade noch den aufrechten Gang beibehält. Das Menschliche wird zu einem Rest, und in „28 Years Later: The Bone Temple“ kommt es in einer Schädelstätte zu der Auseinandersetzung über die Frage, ob mit diesem Rest noch etwas anzufangen ist. Die alles zusammenfassenden Liturgie Garland, der wie immer das Drehbuch verfasst hat, verschränkt dabei zwei Bewegungen, die letztlich auf eine Gründungserzählung zulaufen. Die Menschheit muss neu beginnen, dafür benötigt sie aber einen Ritus der Passage, der auf eine kathartische Deprogrammierung hinausläuft. Die Regisseurin Nia DaCosta, die in diesem Fall mit der Umsetzung von Garlands Entwurf betraut wurde, hat sich mit dem großartigen Horrorremake „Candyman“ und zuletzt mit der starken Ibsen-Verfremdung „Hedda“ für die Aufgabe empfohlen, und sie konnte offensichtlich mit dem Drehbuch eine Menge anfangen. In postapokalyptischen Ordnungen kommt es in der Regel zu einem Zerfall des Gewaltmonopols. An diesem Punkt setzt auch Garland mit seiner Aufgabe für Ian Kelson an. Dass Ralph Fiennes in „Schindlers Liste“ den Schindernazi Amon Göth gespielt hat, mag dabei im Hintergrund noch eine Rolle spielen, macht aber eher ein kosmisches Echo für den Akt der schöpferischen Ironie aus, mit dem Kelson die Verhältnisse wieder ins Lot bringt. Er bekommt es mit einem Hanswurst der Despotie zu tun, mit Sir Jimmy Crystal (Jack O’Connell), der eine Bande von Jugendlichen um sich versammelt hat, die er so recht und schlecht auf seine kleine Schreckensherrschaft eingestimmt hat. Der kleine Spike, ein feinfühliger, kluger Junge, gehört zu Sir Jimmys Entourage, die aber zunehmend brüchig wird. Zu sehr ist als Budenzauber durchschaubar, was der Anführer vorgibt. Er braucht einen Oberteufel, der ihn für sein Unheilsamt neu rechtfertigen würde. Und in diese Richtung versucht er dann auch die Begegnung mit Doktor Kelson im Bone Temple, der nicht länger auszuweichen ist, zu steuern. Es hat immer etwas Befriedigendes, wenn eine lange Saga mit einem großen „set piece“, mit einer alles zusammenfassenden Liturgie endet. „28 Years Later: The Bone Temple“ bietet in dieser Hinsicht einen echten Höhepunkt, denn Garland und DaCosta nehmen sich viel Zeit, um diesen Moment des Umschlags in allen seinen großartigen Facetten auszukosten. Wer sich vorbereiten will, kann ein wenig „Totem und Tabu“ lesen, in erster Linie aber ist ein nicht diskursives Exerzitium angebracht: Stellen wir uns vor, Ian Kelson hätte die Plattensammlung des Teufels in den „Bone Temple“ gerettet – welche Scheiben wären dabei unabdingbar? Und flugs sind wir aus dem Bann der Zombies entflohen und mitten auf dem Feld der Kultur, wenn auch nicht der allerhöchsten, so doch der allerheftigsten!
