Auf Wikipedia, dem weltgrößten und mittlerweile wohl bedeutendsten Nachschlagewerk der Welt, gibt es natürlich auch einen Eintrag über die Gründung von „Wikipedia“. Dass es am 15. Januar 2001 seinen Namen erhielt, als Kofferwort aus „Wiki“ (Hawaiianisch für schnell) und „encyclopedia“ (Englisch für Enzyklopädie), ist dort nachzulesen. Dass es nach einem Monat schon 1000 Einträge umfasste, dass die Gründer glaubten, frühestens nach acht Jahren auf 100.000 zu kommen – und dass diese Marke schon nach zwei Jahren erreicht wurde. Bei diesen 100.000 ist es nicht geblieben: 7,1 Millionen Artikel umfasst allein die englische Wikipedia, mehr als drei Millionen sind es auf Deutsch. 500 bis 600 Millionen Mal wird diese Online-Enzyklopädie derzeit aufgerufen – täglich. Suchmaschinen zeigen Wikipedia-Einträge oft als Erstes an. Nie war der Zugang zu Wissen – zumindest ersten Basisinformationen – weltweit schneller, einfacher und günstiger, sofern man Internetzugang hat. Diese Aktualität und dieser Umfang an Artikeln sind möglich, weil Wikipedia nicht länger, wie Lexika zuvor, nur Fachautoren beschäftigt. Sie setzt auf die „Schwarmintelligenz“ und das freiwillige Engagement der Internetnutzer: Jeder kann im Prinzip Autor werden, Einträge sofort online ergänzen, korrigieren oder auch streichen. Allein die deutschen Einträge werden aktuell von rund 15.000 aktiven Autoren betreut. Wie qualifiziert deren Beiträge sind, entscheidet nicht ihr akademischer Titel oder ihre Erfahrung, sondern die Gemeinschaft. Umsatz von knapp 190 Millionen Dollar im Jahr Getragen wird Wikipedia von einer Stiftung und von Spendeneinnahmen, eine Paywall gibt es weiterhin nicht. Für vergangenes Geschäftsjahr waren nach eigenen Angaben 189 Millionen Dollar an Spenden einkalkuliert, ein Plus von 77 Millionen im Vergleich zum Jahr 2021. Der Großteil der Einnahmen ist für die eigene Infrastruktur eingeplant, darunter die Server, auf denen die Millionen Seiten liegen. Die Stiftung hatte zuletzt 644 Beschäftigte in 54 Ländern. Mit diesem schnellen und kostenlosen Angebot können einstige Marktführer wie Encyclopædia Britannica oder Brockhaus – für sie waren in den Achtzigern und Neunzigern noch 2500 bis 4000 D-Mark zu zahlen, je nach Edition – mit ihren Fachautoren und den jahrelangen Abständen zwischen Aktualisierungen nicht mithalten. Sie werden nach und nach eingestellt. Die 30-bändige Lexikaedition in Leder kann nicht länger als Statussymbol dienen, als Ausweis, dass man sich den Zugang zu Wissen leisten konnte. Ironie der Geschichte: Den Vorläufer von Wikipedia, Nupedia, hatten die Gründer Larry Sanger und Jimmy Wales zunächst nach dem Prinzip der alten Enzyklopädien konzipiert: Nur ein kleines Team von Fachautoren sollte die Einträge des im Jahr 2000 gestarteten Online-Nachschlagewerks verfassen und in einem aufwändigen Peer-Review-Verfahren überprüfen. Doch für das Internet war dies viel zu träge, um genügend Einträge zu produzieren, im ersten Waren sind es gerade einmal 21. Also kommen Wales und Sanger auf die Idee eines offenen Verfahrens, bei dem jeder Nutzer sowohl Autor als auch Redigierer werden kann – und nennen es Wikipedia. Offener Standard als Alternative zu Tech-Konzernen Das Modell hat seitdem mit seinen offenen Standards und rechtefreien Inhalten Schule gemacht: Es entstehen wikiartige Plattformen für Datenbanken, Bildmaterial, Kartenmaterial und wissenschaftliche Forschung, zu denen Jeder beitragen und die Arbeit der anderen überprüfen kann. Genutzt wird dafür zum Teil Technik, die von Wikipedia selbst entwickelt wurde. So zeigt Wikipedia, dass spendenbasierte, gemeinschaftlich organisierte und transparente Plattformen mit offenen Standards gegen Techkonzerne mit geschlossenen Ökosystemen durchaus bestehen können. Frei von Kritik ist Wikipedia nicht: Die große Mehrheit der Autoren ist männlich und in Industrieländern ansässig. Bestimmte Themen, Sichtweisen und Sprachversionen, gerade aus dem Globalen Süden, werden vernachlässigt. Außerdem geht die Zahl der aktiven Autoren zurück, und es lassen sich mehr und mehr faktische Fehler in Artikeln nachweisen, wie F.A.S.-Kollegen recherchierten. Und die Zukunft ist unsicher: Internetnutzer greifen zunehmend auf Künstliche Intelligenz zurück, um Basisinformationen auf ihre Fragen zu erhalten, auch Suchmaschinen bieten zunehmend als erstens auf ihren Ergebnisseiten KI-Zusammenfassungen an. Für die Informationen bedienen sich zwar zum Teil auch bei Wikipedia, doch damit entgehen der Plattform Zugriffe und die Möglichkeit, die Nutzer zu weiteren Spenden aufzurufen. Wikipedia-Gründer Wales glaubt dennoch an ein Bestehen des Nachschlagewerks: Menschen seien weiterhin an Quellen interessiert, „denen sie vertrauen können“. Und KI-Chatbots wie ChatGPT, Perplexity oder Google Gemini würden einfach noch zu oft halluzinieren, also Fehler erzeugen.
