FAZ 20.01.2026
16:36 Uhr

200 Prozent Zölle?: Trumps Zolldrohung auf Champagner lässt Luxusriesen zittern


Für französische Luxuskonzerne wie LVMH und andere ist die Lage nach der Androhung von Einfuhrzöllen über 200 Prozent besonders delikat. Die Börsenreaktion fällt deutlich aus.

200 Prozent Zölle?: Trumps Zolldrohung auf Champagner lässt Luxusriesen zittern

Als wögen die Zolldrohungen vom Wochenende nicht schon schwer genug für die französische Luxusgüter­industrie, hat Donald Trump am Montagabend nachgelegt. Er wolle Zölle in Höhe von 200 Prozent auf französische Weine und Champagner erheben, sagte der US-Präsident. Auf diese Weise wolle er Frankreichs Präsident Emmanuel Macron zur Teilnahme an seinem geplanten „Friedensrat“ bewegen. Luxustitel setzten daraufhin ihre Talfahrt fort. Der Aktienkurs von Weltmarktführer LVMH (Louis Vuitton Moët Hennessy) verlor am Dienstag bis zu drei Prozent an Wert. Am Montag hatte das Minus schon mehr als vier Prozent be­tragen, und schon vergangene Woche war die Tendenz abwärtsgerichtet gewesen. Rund 40 Milliarden Euro an Marktkapi­talisierung von Europas vor drei Jahren noch wertvollstem börsennotierten Un­ter­nehmen haben sich damit binnen einer Woche in Luft aufgelöst. Auf der Verkaufsliste standen auch Titel anderer Konzerne aus der franzö­sischen Luxusindustrie, die für rund zwölf Prozent des französischen Warenexports steht. Das Gucci-Mutterhaus Kering hatte am Montag ebenfalls rund vier Prozent, der Lederwarenhersteller Hermès 3,5 Prozent an Wert verloren – und auch ihre Talfahrt hielt am Dienstag an. Gleiches gilt für den Spirituosenkonzern Rémy Cointreau und in schwächerem Maße den Kosmetikriesen L’Oréal und Brillenhersteller EssilorLuxottica. Mit 25 Prozent haben die USA einen großen Anteil am Umsatz Für die französischen Luxushersteller ist die Lage besonders delikat. Da sie in großem Stil mit Produkten „Made in France“ werben, treffen sie amerikanische Einfuhrzölle mit voller Wucht. Um ihr Werbeversprechen zu halten, können sie, anders als etwa Autohersteller, nur sehr eingeschränkt Produktion in die USA verlagern und so Zölle umgehen. Teil­weise dürfen sie es wegen der geschützten Ursprungsbezeichnungen auch gar nicht. Heißt: Die Luxuskonzerne müssen die Zollkosten selbst schultern oder weiterreichen, was also entweder die Marge schmälert oder Mittelschichtskunden zu vergraulen droht. Das so wichtige US-Geschäft zu reduzieren, gilt als ausgeschlossen. Das gilt vor allem für LVMH mit seinen 75 Marken von Handtaschen und Schmuck über Parfüm und Uhren bis zu Cognac und Champagner. 25 Prozent seines Umsatzes entfielen zuletzt auf die USA. Bei Wein und Spirituosen betrug der Absatzanteil gar 34 Prozent. LVMH beschäftigt in den USA rund 43.000 Mitarbeiter und unterhält knapp 1200 Boutiquen, bezieht die dort verkaufte Ware aber zum weit überwiegenden Teil aus Europa. Drei Louis-Vuitton-Handtaschenfabriken, vier Tiffany-Produktionsstätten, vier Weinberge (Chandon, Phelps, Colgin, Newton) sowie drei Whiskeybrennereien (zweimal Woodinville, einmal SirDavis) von LVMH in den USA gehören zu den wenigen Fällen, in denen die französische Luxusindustrie nicht in der Heimat produziert. Entsprechend viel steht auf dem Spiel Und gerade bei dem von Trump ins Fadenkreuz genommenen Champagner ist eine Produktionsverlagerung unmöglich. Der prestigeträchtige Schaumwein darf nur mit Trauben aus der Region um die Städte Reims, Épernay und Troyes hergestellt werden, und das auch nur von Winzern vor Ort. Andere Schaumweine wie deutscher Sekt, französischer Crémant oder spanischer Cava dürfen allenfalls mit dem Zusatz „traditionelle Methode“ verkauft werden. Das gilt seit dem 2006 geschlossenen Handelsvertrag zwischen der EU und den Vereinigten Staaten auch für den US-Markt und dortige Schaumweine wie California Sparkling Wine. Im Markenportfolio von LVMH finden sich mit Moët, Dom Pérignon, Veuve Clicquot, Ruinart, Krug und Mercier große Champagnerhäuser, die in der klein­teiligen Region mit rund 16.000 Winzern über viel Marktmacht verfügen; 2024 stammte mehr als jede fünfte verkaufte Champagnerflasche von einer LVMH-Marke. Der namensgebende Hennessy-Cognac ist zudem unangefochtener Marktführer unter den Weinbränden aus dem französischen Südwesten. Daneben beherbergt LVMH eine Reihe von Prestigeweingütern unter seinem Konzerndach, ob Château d’Yquem (Bordeaux), Domaine des Lambrays (Burgund) oder Château Minuty (Provence). Entsprechend viel steht für den Konzern auf dem Spiel, sollte Trump exorbitante Zölle in Höhe von 200 Prozent verhängen. Schon in der Vergangenheit hat sich der LVMH-Chef und -Großaktionär Bernard Arnault bemüht, ihn milde zu stimmen. Die beiden Männer eint die frühere Tätigkeit im Immobiliengeschäft, sie kennen und verstehen sich seit Langem. Nach mehreren Reisen von Arnault in die USA sprach man in Frankreich schon von einer „Schattendiplomatie“. Die jüngsten Zolldrohungen will der Konzern nicht kommentieren. Spiegelbild dieser Malaise Trumps Ankündigung wiegt auch in­sofern schwer für die französische Luxus­industrie, als sie schon länger unter der nachlassenden Nachfrage aus dem ehemaligen Boommarkt China leidet. Fachleute verweisen auf eine Mischung aus Konsumflaute und veränderten Konsumgewohnheiten seit der Pandemie und speziell der jungen Generation Z. Marken im Ultraluxussegment wie Hermès konnten sich in diesem schwieriger gewordenen Marktumfeld einigermaßen behaupten. Für die massentauglicheren Produkte von LVMH galt das hingegen weniger. Der Börsenwert von Arnaults Luxusimperium ist Spiegelbild dieser Malaise: War er im April 2023 auf mehr als 450 Milliarden Euro geklettert, notiert er aktuell bei rund 280 Milliarden Euro. Im dritten Quartal 2025 zeichnete sich bei LVMH eine Rückkehr zu leichtem Wachstum ab. Ob dies Bestand hat, wird das kommende Woche Dienstag veröffentlichte Geschäftsergebnis für 2025 weisen. Auch die von China verhängten Ein­fuhrzölle auf europäischen Branntwein und damit auch Hennessy belasteten den Konzern zuletzt. Erschwerend hinzu kommt der auf der ganzen Welt sinkende Weinabsatz. Neue Zahlen aus der Champagne bestätigen den Abwärtstrend. So wurden im vergangenen Jahr 266 Millionen Flaschen verkauft, wodurch sich das kumulierte Minus über drei Jahre auf nunmehr 18,3 Prozent beläuft. Der Branchenverband Comité Champagne spricht von einem „volatilen Umfeld, geprägt von geopolitischen Spannungen, veränderten Konsumgewohnheiten, Lagerbestandsanpassungen und Inflation“.