Nahostkonflikt, Streit um Grönland, rechtspopulistische Tendenzen, kollabierende Rentensysteme, Kriegsangst und Altersarmut dominieren derzeit Stammtische, Kommentarspalten und Talkshows. Tristesse Royale trifft auf die Melancholie der Zukunftsangst. Deutschland braucht dringend etwas, woran es wieder glauben kann. Etwas, das uns zurückholt in unbeschwerte Zeiten, als man für einen Kinobesuch nebst Popcorn und Cola noch keine Hypothek aufnehmen musste. Aber Rettung naht: RTL! Der Spartensender für verhaltensauffällige D-Promis spendiert uns im Januar verlässlich das vom Volksmund hashtagtauglich IBES getaufte Dschungelcamp. Schon seit 19 Staffeln. Formaljuristisch lautet der Titel der Alpaka-Sperma-Gourmetfestspiele „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus“. So wird die Ex-Promi-Butterfahrt nach Australien allerdings nur noch von Sonja Zietlow, Jan Köppen und der „Hörzu“ genannt. Der selbst-exmatrikulierende Rettungsruf „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus“ hallte in 20 Jahren nämlich nur zwölfmal durch den Dschungel. Bei 202 Kandidaten. Das entspricht weniger als sechs Prozent. Sechs Prozent, oder wie man bei der SPD sagt: nächste Bundestagswahl. In der Randgruppe aus Dschungelcamp-Deserteuren finden sich unter anderen Harry Wijnvoord, Dolly Buster, Michael Wendler, Gunter Gabriel, Ansgar Brinkmann oder Cora Schumacher. Das waren noch Namen. Knapp die Hälfte kennt sogar meine Oma. Und die guckt schon seit den Sechzigern eigentlich nur noch Pilcher-Schmonzetten im ZDF. Viele der Kandidaten dagegen, die 2026 nach dem Busch-Zepter greifen, haben nicht mal mehr einen eigenen Wikipedia-Eintrag. Aber keine Sorge. Es gibt ja diese Dschungelcamp-Servicekolumne. Hier sind sie also, die zwölf handverlesenen Karriereabbrecher: Mirja du Mont Das fünfzigjährige Ex-Playmate lernte ursprünglich Veterinärmedizinisch-Technische Assistentin. Bekannt wurde sie, als sie 2000 Sky du Mont heiratete und lange vor Cathy Hummels oder Sylvie Meis das Genre Spielerfrau erfand. Damals noch in seriösem Kontext als Schauspielerfrau. Auf Wikipedia werden ihre beruflichen Erfolge etwas undankbar mit „Als Model arbeitete sie für Markenunternehmen wie zum Beispiel Tchibo“ beschrieben. Das ist in etwa so, wie „Als Fußballprofi spielte er für Topmannschaften wie zum Beispiel DSC Wanne-Eickel“. Ariel Hediger Ariel existiert öffentlich nur als Vorname. Etwa so wie Heino. Ariel ohne Nachnamen kennt man aus „Prominent getrennt“, „The 50“, „Are You the One?“ und „Couple Challenge“. Jedenfalls, wenn man eine Affinität für Reality-TV, ein RTL+-Abo und zu viel Tagesfreizeit hat. RTL glaubt, die zweiundzwanzigjährige Baslerin sei berühmt. Gut, RTL glaubt auch, heutige Teenager hätten denselben Humor wie Teenager vor 30 Jahren – und zahlt Stefan Raab und Barbara Schöneberger darum 90 Millionen. Eva Benetatou Die in Griechenland geborene Vollzeit-Reality-Darstellerin war in ihrem früheren Leben mal Stewardess. Und 2023, fast ein Vierteljahrhundert nach Mirja du Mont, auch Playmate. Im Prinzip überqualifiziert. Gil Ofarim War mal auf dem Weg zum Superstar. Sympathisch gewann er 2017 das Tanztee-Varieté „Let's Dance“. Anschließend beendete er seine Karriere jedoch, als er einem Hotelangestellten vorwarf, er hätte ihn antisemitisch beleidigt. Denn vor Gericht stellt sich raus: alles erfunden. Viele IBES-Fans hadern daher mit seiner Personalie. Und auch erste Teilnehmer haben signalisiert, sich mit Ofarims Anwesenheit nicht wohlzufühlen. Hubert Fella Teilt sich eine Frisur mit Marco Reus und war bei „Hot oder Schrott“ dabei. Dabei handelt es sich wohl um ein Dating-Format für Ü60-Jährige, die in einer erotischen Challenge entweder einen sexy Partner zugelost bekommen – oder halt Matthias Mangiapane. Mit dem ist er nämlich verheiratet. Hardy Krüger jr. Ist überraschenderweise der Sohn von Hardy Krüger senior („Die Brücke von Arnheim“) und wurde als Surferboy in „Gegen den Wind“ bekannt. Heute betreibt er ein Café in Berlin. Nicole Belstler-Boettcher Wie Hardy Krüger jr. ist sie Sprössling einer Schauspiel-Ikone. Mutter Grit Boettcher war die kongeniale Partnerin von Harald Juhnke. Scheint erfrischend ehrlich zu sein. Die Frage, warum sie beim Dschungelcamp mitmacht, beantwortet sie jedenfalls so: „Jeder ist käuflich.“ Patrick Romer Als „Bauer sucht Frau“-Entdeckung ist er ein echtes RTL-Eigengewächs. Qualifizierte sich über das inoffizielle IBES-Casting „Sommerhaus der Stars“. Samira Yavuz Die Besitzerin eines Permanent-Make-up-Studios möchte im Dschungelcamp über sich hinauswachsen. Bei 1,62 Metern Körpergröße ein ambitioniertes Vorhaben. Umut Tekin Bekannt aus dem berühmten Robert-Frost-Gedicht „The Road Not Tekin“. Hat sich nach diversen amourösen Fiaskos vorgenommen, „im Dschungelcamp nicht zu flirten“. Gut für Mirja du Mont. Stephen Dürr Spielte von 1994 bis 1996 in „Unter uns“. Widmete sich anschließend vornehmlich dem Hamburger Nachtleben. RTL verspricht sich von ihm „eine gehörige Portion Ironie“. Ausnahmsweise mal jemanden in ein Reality-Format zu entsenden, der mehr als drei europäische Hauptstädte kennt, hat mit Dürr und Gattin Katharina allerdings schon beim „Sommerhaus der Stars“ nicht funktioniert. Ich freue mich trotzdem auf epische Lagerfeuer-Philosophie mit Dürr und Umut Tekin. Simone Ballack Last but, wie man so sagt, not least: die Ex-Frau von Michael Ballack. Die obligatorische Spielerfrau, möchte man meinen. Überraschenderweise ist die Spielerfrau-Dichte im Dschungelcamp mit Claudia Effenberg und Verena Kerth allerdings dünner als das Haupthaar von Friedrich Merz. Wie auch immer: Diese zwölf von RTL spontan zu A-Promis umfirmierten Stierhoden-Connaisseurs bilden den Kader für die 19. Staffel „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus“. Ich persönlich werde jede Folge hier analytisch aufbereiten und wünsche mir ein Finale aus Stephen Dürr, Hardy Krüger jr. und Mirja du Mont. Wer wettet dagegen? Oder wie wir IBES-Influencer sagen: „Schreibt's mir in die Kommis!“
