Die Stars des deutschen Eiskunstlaufs bescherten ihre Anhänger mit einer Gala kurz vor Weihnachten. Minerva-Fabienne Hase und Nikita Volodin, ihr inzwischen eingedeutschter Paarlaufpartner russischer Provenienz, nutzten die nationale Bühne Oberstdorf dazu, im olympischen Goldformat zu glänzen. Eine Woche nach Platz drei im Grand-Prix-Finale von Nagoya, wo sie die beste Kür der sechs weltbesten Paare gelaufen waren und dadurch nach einem durchwachsenen Kurzprogramm noch den Sprung aufs Treppchen geschafft hatten, verbreiteten sie ihren exquisiten Glanz in puncto Form und Inhalt auch bei der deutschen Meisterschaft, die sie im Vorbeigehen zum dritten Mal in Serie gewannen. Bis auf einen Einzelsprung in der Kür, einen eigentlich einfachen Doppelaxel, den die Berlinerin ausgelassen hatte („da war ich ein bisschen unkonzentriert“), boten Hase/Volodin das volle Programm in der kurzen wie der langen Kür und offenbarten dabei wieder einmal ihre Extraklasse, gepaart mit einem ausbalancierten Selbstverständnis auf dem glatten Parcours in Richtung Mailand, wo sie im Februar 2026 nichts weniger als die Goldmedaille ins Visier fassen werden. Das gesetzte Ausrufezeichen von Nagoya, in der Kür sowohl die japanischen Weltmeister Miura/Kihara und die in der japanischen Millionenstadt zweitplatzierten Italiener Conti/Macii hinter sich gelassen zu haben, sei, sagt die Europameisterin und WM-Zweite dieses Jahres, „so viel mehr wert“ gewesen als die Platzierung des Berliner Duos am Ende der Grand-Prix-Serie. „Es hat allen anderen gezeigt, dass wir da sind und dass man mit uns rechnen muss. Wer bei Olympia auf Nummer sicher geht, vergibt eine Chance.“ Mit ihren inzwischen ausgereiften neuen Programmen und der intrinsischen Qualität, nie überheblich, aber so gut wie immer überzeugend auftreten zu können, sind Hase/Volodin noch immer die einzige Trumpfkarte, die die Deutsche Eislauf-Union bei den großen internationalen Wettkämpfen derzeit in der Hand hält. Der neue Vorspringer im deutschen Eiskunstlauf Daneben lieferte die deutsche Meisterschaft aber noch einen Knalleffekt, der eines Tages eine Tiefenwirkung entfalten könnte. Der 18 Jahre alte Genrikh Gartung, ein gebürtiger Russe mit deutschen Familienwurzeln, der in Oberstdorf bei Niko Ulanovsky, aber auch in Moskau regelmäßig trainiert, ist so etwas wie der neue Vorspringer im deutschen Eiskunstlauf. Drei Bronzemedaillen hat der 1,80 Meter lange, im Gespräch eher schüchtern wirkende Springinsfeld schon bei den Junioren-Grand-Prix der Internationalen Eislauf-Union (ISU) gewonnen. Dazu kam am Samstagnachmittag sein erster deutscher Meistertitel, nachdem Gartung tags davor sein Kurzprogramm mit einem verpatzten Vierfachlutz und einem missglückten Dreifachaxel vermasselt hatte und deshalb tags danach von Platz drei aus zu seinem Raumflug gestartet war. Neue Perspektiven für den Eiskunstlauf Mit einem Vierfachflip, einem Vierfachlutz plus Dreifach-Toeloop und einem Dreifachaxel startete er in eine Kür, die bei allen derzeit noch sichtbaren gestalterischen Schwächen des Überfliegers in spe, eine Perspektive offenlegte, die so wie bei Gartung noch bei keinem deutschen Meister der vergangenen Jahre sichtbar wurde. Das verheißt völlig neue Perspektiven für den Eiskunstlauf hierzulande. In Russland, das in diesem Sport ein Übermaß an Spitzenkräften zu bieten hat, brauchten sie Gartung nicht dringend – sodass sie das Talent gen Deutschland ziehen ließen. Am Samstag hat sich der neue deutsche Meister auf der Höhe seiner Möglichkeiten präsentiert, nachdem er tags zuvor noch tief gelandet war. Gartung könnte, wenn er nur so weiter fliegt, bei seiner ersten Europameisterschaft im Januar in Sheffield bei voller Ausnutzung seiner Kapazitäten jederzeit einen Platz unter den Top Ten erreichen. In Oberstdorf versprach er, in absehbarer Zeit auch den Vierfach-Toeloop, den Vierfachsalchow oder den Vierfachrittberger in seine Programme aufzunehmen. Mit einem aber will er, der am Anfang einer Karriere im Zeichen der Sprunggewalt ist, bitte nicht verglichen werden: mit Ilja Malinin, dem „Quad God“, also dem Meister aller Vierfachsprünge. Der Amerikaner mit russischen Familienwurzeln scheint derzeit in seiner eigenen Stratosphäre unterwegs zu sein, gilt als hoher Favorit auf olympisches Gold und hat schon angekündigt, sich nach den Tagen in Mailand auf das sprunghafte Erlernen von Fünffachsätzen zu konzentrieren. Den Gesetzen der Schwerkraft kann sich Gartung, wie sein Kurzprogramm bei der deutschen Meisterschaft offenbarte, noch lange nicht entziehen. Er steht erst an der Startrampe zu seiner womöglich noch atemraubenden Laufbahn.
