Nie haben die Menschen den Klimawandel stärker angefeuert als in diesem Jahr. Während in Europa und Nordamerika die Emissionen sinken, verfeuern China, Indien und die Welt insgesamt mehr fossile Brennstoffe. Dabei hatten sich die Staaten vor zehn Jahren auf der Weltklimakonferenz in Paris dazu verpflichtet, die Erderwärmung zu begrenzen, auf „deutlich unter zwei Grad Celsius“ im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter. Schon damals warnten pazifische Inselstaaten: Das reicht nicht, bei zwei Grad mehr Wärme versinken wir im Meer. Dem Außenminister der Marshallinseln, Tony de Brum, gelang es in Paris, eine Koalition mit so vielen anderen Staaten zu bilden, dass schließlich beschlossen wurde, „Anstrengungen“ zu unternehmen, „um den Temperaturanstieg auf 1,5 Grad“ zu begrenzen. Zehn Jahre später gilt es als ausgeschlossen, dass die Erderwärmung unter dieser Schwelle bleibt. Einige Monate am Stück war es schon wärmer. Bis die globale Durchschnittstemperatur mehrere Jahre lang über dem 1,5-Grad-Ziel liegen wird, ist es nur eine Frage der Zeit. Ist das Pariser Abkommen also gescheitert? Die Frage ist, womit man die Emissionen der Gegenwart vergleicht. Der Beschluss der Klimakonferenz von vor zehn Jahren konnte den Emissionsanstieg nicht verhindern, aber nach dem Abkommen nahmen die Emissionen viel langsamer zu als zuvor erwartet. Das hat bereits einen erheblichen Effekt auf die Erderwärmung. Statt wie vor 2015 prognostiziert, dürfte die Erderwärmung bis zum Ende des Jahrhunderts nicht auf etwa vier Grad steigen, sondern bei etwas unter drei Grad stehen bleiben. Der Anteil erneuerbarer Energien wächst rasch Dieser Erfolg wurde möglich durch eine ganze Reihe von Entwicklungen, die vor dem Pariser Abkommen nicht erwartet worden waren. Anders als 2015 wird heute doppelt so viel in emissionsarme Energie investiert wie in fossile. 2015 wurden kaum Autos mit einem Elektromotor verkauft, mittlerweile sind es global schon etwa 20 Prozent, Tendenz stark steigend. Während der Zubau an Windkraft nur etwas über den Erwartungen liegt, ist die Solarenergie in den vergangenen zehn Jahren global viel rasanter gewachsen als erwartet. Die installierte Kapazität liegt heute viermal höher, als das die Internationale Energieagentur zur Zeit des Pariser Abkommens erwartet hatte. Erneuerbare Energie war in den vergangenen Jahren weitgehend und in zunehmendem Maße in der Lage, den wachsenden Energiebedarf der Welt zu decken. Vor allem in den Industriestaaten findet eine Verdrängung fossiler Energieträger durch Erneuerbare statt. Großbritannien, das Mutterland der industriellen Revolution, verfeuert deren Grundstoff Kohle seit dem vorigen Jahr nicht mehr. Dass die Emissionen global dennoch nicht sinken, hängt damit zusammen, dass besonders Schwellenländer fossile wie erneuerbare Energiegewinnung ausbauen; der Verdrängungseffekt fiel lange Zeit schwach aus. Doch es gibt Anzeichen, dass sich das ändern könnte – vielerorts lohnt es nicht, ein altes Gaskraftwerk durch ein neues zu ersetzen, weil Sonnen- und Windstrom weit günstiger sind. Die Revolution der Batterietechnologie, die neue Speicher ermöglicht, hilft dabei. Diese Entwicklungen wären ohne das Pariser Abkommen wohl nicht denkbar gewesen. Etliche Jahre vor dem Aufkommen der Fridays-for-Future-Bewegung sendeten damals die Staaten ein Zeichen, in welche Richtung sie ihre Wirtschaft entwickeln wollten. Billionen wurden seither in Richtung Klimaneutralität investiert. Derzeit scheint es jedoch, als würden diese Entwicklungen nicht reichen, um die Pariser Klimaziele einzuhalten. Das hat auch mit der Struktur des Abkommens zu tun. Der Preis für eine Einigung vor zehn Jahren war ein Abkommen, das auf Freiwilligkeit setzte. Zuvor hatten die Staaten jahrelang auf jeder Klimakonferenz beraten, wie das alte, gescheiterte Kyoto-Protokoll ersetzt werden könnte. Das litt daran, dass es nur den Industriestaaten Emissionsminderungen auferlegte. Diese Pflicht stieß in Washington auf Ablehnung, sodass die USA es nie ratifizierten. Vor allem aber war eine Fortsetzung des Kyoto-Protokolls zunehmend untauglich, um den Klimawandel wirksam einzudämmen, da nach seinem Beschluss 1997 vor allem Schwellenländer ihren Treibhausgasausstoß vergrößerten. Der Preis der Einigkeit in Paris 2015 Jahr für Jahr scheiterten die Klimakonferenzen vor 2015 daran, einen Mechanismus zu entwerfen, der möglichst alle Emissionen auf der Welt erfasst. Erst in Paris gelang die Einigung. „Den Durchbruch brachte die Idee, dass jedes Land das für den Klimaschutz tun muss, was es kann – sowohl wirtschaftlich und finanziell gesehen, aber auch technologisch und letztlich politisch“, erinnerte sich kürzlich die frühere deutsche Umweltministerin Barbara Hendricks, die in Paris verhandelte. Der Preis für die Einigung war, dass anders als beim Kyoto-Protokoll jeder Staat fortan selbst bestimmen konnte, was er dafür konkret tut. Eingeschränkt wurde diese Freiwilligkeit durch eine völkerrechtliche Pflicht, dass jeder Vertragsstaat – zu denen auch nach dem angekündigten Austritt der USA fast alle Staaten der Erde zählen – nationale Klimapläne bei den Vereinten Nationen einreicht. In Fünfjahreszyklen werden diese Pläne seither analysiert und zu einem gemeinsamen Bericht zusammengefasst, der zeigen soll, wie der Kampf gegen die Erderwärmung voranschreitet. Von Zyklus zu Zyklus sollen die Staaten dabei klimapolitisch ehrgeiziger werden; bei der Klimakonferenz in Belém stellten die Teilnehmer kürzlich fest, dass das nur eingeschränkt funktioniert. Zudem hat sich die Pariser Hoffnung, klimapolitische Ambition könnte ansteckend wirken, zuletzt als fraglich herausgestellt. Die vorgelegten Klimapläne lassen bisher kaum einen neuen Ehrgeiz erkennen – auch wenn auf Klimakonferenzen nach 2015 immer wieder beschlossen wurde, dass er kollektiv notwendig sei. Die allermeisten Staaten haben „nach Paris“ angekündigt, bis zu welchem Jahr sie klimaneutral werden wollen. In vielen Ländern gibt es ähnliche Klimaschutzgesetze wie etwa in Deutschland, dessen Verhandler schon vor zehn Jahren darauf setzten, dass nötigenfalls Gerichte Regierungen daran erinnern, was sie in Paris zugesagt haben. So ist es nicht nur in Deutschland gekommen. Indirekt hat das Pariser Abkommen damit gewirkt.
