Die tiefen Augenringe und das gequälte Seufzen verraten es: Er leidet, der Protagonist des mit Google Gemini erstellten Kurzfilms „Lily“, der auf dem „Dubai 1 Billion Followers Summit“ mit einem Preisgeld von einer Million Dollar ausgezeichnet wurde. Passend zu seiner Stimmung, gewittert es mitten in der Nacht, die Blitze schnellen aus allen Richtungen des Himmels. Kaum ein Mensch ist unterwegs. Natürlich soll man sich nun fragen, warum dieser Mann so leidet. Tut man auch, aber eigentlich ist der Film bis hier hin schon so pathetisch – untermalt mit tragischer Klaviermusik und diesem penetranten Regen –, dass man darauf schon gar keine Lust mehr hat, trotz der einigermaßen lustigen „Wallace & Gromit“-Knetfiguren-Optik. Durch den Einsatz der Google KI Gemini konnte der „Filmemacher“ Zoubeir Jlassi Kosten bei der Produktion sparen, was das hohe Preisgeld noch beachtlicher macht. Anlass für die Produktion dieses Films war der KI-Kurzfilmwettbewerb im Rahmen einer Influencer-Messe in Dubai, den die Vereinigten Emirate finanzierten. Filme, die zu mindestens 70 Prozent mit KI generiert wurden, waren hier gefragt. Google, dessen KI zum Einsatz kam, war Partner des Wettbewerbs, so wie auch Tiktok, Meta oder X. Die KI hat auch hier eher Langeweile als ein sehenswertes Stück produziert Die Messe in Dubai verbindet Reichweite, Marketing und Kommerz miteinander und wurde mit rund 30.000 Besuchern als das größte Exklusiv-Ereignis der Influencer-Branche gewertet. Internet-Berühmtheiten wie der Influencer Jimmy Donaldson, online bekannt als „Mr Beast“ und einer der erfolgreichsten Influencer überhaupt, war Gastsprecher, ebenso der Schauspieler Will Smith, dem fast 70 Millionen Menschen auf Instagram folgen. Ein Großteil der anderen Sprecher lässt sich diffus als „Content Creator“ beschreiben, sie erstellen digitale Inhalte aller Art und haben es auf möglichst viel Aufmerksamkeit abgesehen. Gemeinsam haben die meisten Teilnehmer, dass ihnen mehr als eine Million Abonnenten auf einem Kanal folgen. Dass es bei dem Film-Wettbewerb im Rahmen der Messe nicht um die Qualität ging, sondern das Werben für die KI von Google, macht der Gewinnerfilm deutlich. Unter 3500 Beiträgen gewann nun eben der Film „Lily“, der vor Melodramatik, Vorhersehbarkeit und plakativen Dialogen nur so trieft. Die KI hat auch hier eher Langeweile als ein sehenswertes Stück produziert. Beunruhigend ist eher, was die Auszeichnung und die parallel stattfindende Messe, auf der sich Internet-Größen tummelten, über die Gegenwart verrät. Einen Film mit KI zu generieren, erfordert ein wenig technisches Geschick, unterstreicht aber vor allem den Einfluss von Unternehmen wie Google. Während kleine, unabhängige Filme um ihre Finanzierung kämpfen müssen und auf Festivals oft gar kein Preisgeld gewinnen, stellt die fachfremde Messe in Dubai dank Reichweite der Gäste und Werbung, neue Weichen. Zum „Dubai 1 Billion Followers Summit“ reiste ein internationales Publikum an, um sich Vorträgen zu beispielsweise „Einsamkeit trotz Reichweite“ anzuhören und sich zu vernetzen. Dubai ist für viele Influencer längst zu einem Zufluchtsort geworden, eine Steueroase, in der sie mit ihren Einkünften aus Social Media protzen können. Von Menschen- und Freiheitsrechten ist hier nicht die Rede. Wie schnell es mit diesem vermeintlich schönen Leben vorbei sein kann, zeigt indes die Geschichte des deutschen Youtubers Simon Desue, der im Oktober des vergangenen Jahres wegen eines angeblichen Drogendelikts in Dubai inhaftiert wurde. Aus der Öffentlichkeit war er schon länger verschwunden.
