Tatsächlich sollte ich am 4. September, dem Tag meiner ersten Aussage im Zeugenstand, keine einzige Träne vergießen. Ich beschrieb mein Leben als glückliche Ehefrau und Mutter und dann den Absturz, den Beginn meines Leidenswegs, als ich erfuhr, was mein Mann mir angetan hatte. All das war dem Gericht bereits bekannt, vor mir saßen professionelle Richter, die das Protokoll meiner Anhörungen bei der Ermittlungsrichterin bestimmt gelesen hatten, aber ich musste meinen Aussagen Leben einhauchen, sie laut und vernehmlich vortragen, um all die absurden und abscheulichen Szenarien aus dem Saal zu drängen, die bald von der Verteidigung bemüht werden würden. Eine ganze Armee von Strafverteidigern platzte schier vor Ungeduld, während ich mich innerlich wappnete, sie würden nahelegen, ich hätte meine Zustimmung gegeben, hätte mich an den erotischen Spielen meines Mannes beteiligt oder wäre schlicht und einfach eine Säuferin. Stéphane [Gisèle Pelicots Anwalt Stéphane Babonneau, Anm. d. Red.] hakte immer wieder nach, wenn ich zu schnell über meine gesundheitlichen Probleme, meine Aussetzer, meine Todesangst und die zehn Jahre währende Suche nach einer stichhaltigen Diagnose hinwegging, die mich von einer Arztpraxis zur nächsten geführt hatte.
